Drama in Gaza geht weiter

PROTESTE ⋅ Bei erneuten Protesten im Gazastreifen sind gestern laut palästinensischen Angaben ein Mann getötet und über 900 Menschen verletzt worden. Israel verteidigt sein Vorgehen.
14. April 2018, 07:18

Susanne Knaul, Jerusalem

Ungeachtet der Kritik im In- und Ausland hält Israels Armee an dem Einsatz von Scharfschützen im Grenzgebiet zum Gazastreifen fest. Bei dem palästinensischen «Grossen Marsch der Rückkehr», der gestern in die dritte Woche ging, kam es erneut zu vielen ­Verletzten. Ein 28-Jähriger sei an einer Schusswunde im Bauch ­gestorben, teilte das palästinensische Gesundheitsministerium am Abend mit. Über 900 seien verletzt worden. Viele Palästinenser litten infolge des Tränengaseinsatzes unter Atemproblemen und schmerzenden Augen. Die israelische Armee meldete «mehrere Versuche», die Grenzanlagen zu beschädigen, nachdem Palästinenser Molotowcocktails und Sprengsätze Richtung Israel geworfen hatten.

Die gestrigen Kundgebungen standen unter dem Motto «Die palästinensische Fahne hissen, und die israelische Fahre verbrennen». Insgesamt ist die Zahl der Demonstranten rückläufig. Kamen zu Beginn des Protestes zahlreiche Familien, so dominierten bei den gestrigen Kundgebungen Jugendliche und junge Männer, die zahlreiche Autoreifen in Brand steckten.

Der israelische Oppositions­politiker Jair Lapid, Chef der ­Zukunftspartei, verteidigte vor Journalisten im Grenzgebiet die Politik der Regierung. «Kein Land auf der Welt würde zulassen, dass Hunderte Terroraktivisten gewaltsam eindringen.» Die Armee habe die Aufgabe, das zu verhindern, und das «tut sie nach gesetzlichen Vorschriften». Die Todesfälle an der Grenze schreibt Lapid der Hamas zu, die «Frauen und Kinder an die Grenze treibt und zu menschlichen Schutzschildern macht».

35 Tote seit Ende März

Menschenrechtsorganisationen und westliche Regierungen ­konzentrieren ihre Kritik auf das harte Vorgehen der israelischen Soldaten und den Einsatz von Scharfschützen. 35 Menschen sind bei den Protesten seit Ende März zu Tode gekommen, und mehr als 3000 trugen laut Informationen von Amnesty International (AI) Verletzungen davon.

In einem offenen Brief appellierten fünf ehemalige Scharfschützen der israelischen Armee, von der Order «unbewaffnete Demonstranten, die keine Gefahr darstellen, zu erschiessen», umgehend abzulassen. Der Angriff auf «unschuldige Menschen in Gaza» sei nur nötig, um «die Herrschaft der Besatzung» aufrechtzuerhalten. «Wir sind voller Scham und Mitleid», schrieben die fünf in dem gestern von der ­israelischen Zeitung «Haaretz» und dem britischen «Guardian» veröffentlichten Brief.

Verteidigungsminister Avigdor Lieberman bekräftigte unterdessen seine Warnungen an die Hamas. «Ihr werdet uns niemals brechen», meinte er und riet stattdessen dazu, «nicht mehr darüber nachzudenken, wie Ihr den Staat Israel zerstören könnt, sondern wie Ihr Seite an Seite mit Israel existieren könnt». AI forderte eine unabhängige Untersuchung der zahlreichen Todesfälle. Ähnlich sprach die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini von «ernsthaften Fragen über die Verhältnismässigkeit des Einsatzes von Gewalt». Dazu gehöre auch der Tod des palästinensischen Journalisten Jassir Murtadscha, der letzte ­Woche die Proteste gefilmt hatte, bis ihn Soldaten mit einem Bauchschuss zur Strecke brachten. Murtadscha, der für die BBC und Al Jazeera tätig war, sei, so spekulierte Avigdor Lieberman anschliessend, «von der Hamas bezahlt worden».


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