Ein Bulldozer auf Reformkurs

SAUDI-ARABIEN ⋅ Der erst 32-jährige Kronprinz Mohammed bin Salman sieht sich innen- wie aussenpolitisch auf dem richtigen Weg. Nächste Woche dürfte ihn das «Time»-Magazin gar zur «Person des Jahres» küren. Doch wo steht sein Land wirklich?
02. Dezember 2017, 08:00

Michael Wrase, Limassol

Mohammed bin Salman stehen aufregende Tage bevor. Der gerade mal 32 Jahre alte Kronprinz Saudi-Arabiens hat gute Aussichten, nächsten Mittwoch vom renommierten Magazin «Time» zur «Person des Jahres» gekürt zu werden. Auch wenn sich die Redaktion das letzte Wort vorbehält: Bei der noch vier Tage laufenden Leserabstimmung liegt der ambitionierte Saudi mit 13 Prozent der abgegebenen Stimmen auf Platz eins. Erst weit abgeschlagen folgen ein amerikanischer Football-Spieler (5 Prozent), Papst Franziskus, Vladimir Putin, Hillary Clinton sowie der Vorjahressieger Donald Trump (3 Prozent), der Bin Salam, alias MBS, unlängst per Twitter bescheinigte, «alles richtig zu machen».

Die Frage, ob der Mittlere Osten seit dem Amtsantritt des impulsiven saudischen Jungspunds stabiler oder sicherer geworden ist, scheint sich damit zu erübrigen. MBS, vom mächtigsten Mann der Welt gestützt und ermutigt, wird sie sich nicht stellen. Er scheint von dem, was er tut, überzeugt zu sein.

Religiöses Establishment in die Schranken gewiesen

«Man muss seine Tatkraft und sein Stehvermögen einfach bewundern», ätzt der jordanische Politologe Marwan Bishara in einem Kommentar für den Fernsehsender Al Jazeera. Ein mit ­Adrenalin vollgepumpter junger Prinz entfache einen grossen Krieg vor seiner Haustür (Jemen), löse diplomatische Krisen (Katar, Libanon) im Ausland aus und versuche gleichzeitig, sich seiner politischen Gegner zu Hause zu entledigen. Zudem finde er Zeit, das ­religiöse Establishment in die Schranken zu weisen und wirtschaftliche Visionen bis 2030 zu entwerfen. Mit einer unglaublichen Portion Arroganz, Gleichgültigkeit und Doppelzüngigkeit, behauptet Bishara, habe Bin Salman «Dekaden politischer und sozialer Traditionen binnen weniger Monate zunichte gemacht». Sein Aufstieg zur Macht werde Saudi-Arabien und die gesamte Region nachhaltig destabilisieren.

MBS wischt derartige Kritik als «lächerlich» beiseite. Aussenpolitisch sieht er sich «auf dem richtigen Weg». Und die Anti-korruptionskampagne diene nicht zur Festigung seiner Macht. Tatsächlich habe man in den letzten Jahren «erdrückende Beweise» gesammelt, mit denen jetzt die Beschuldigten konfrontiert würden, verriet der saudische Kronprinz im Gespräch mit Thomas Friedman. Nach Einschätzung des Starkolumnisten der «New York Times» erlebt Saudi-Arabien gegenwärtig den «bedeutungsvollsten Reformprozess der arabischen Welt». MBS sei kein Schönfärber, der Wandel in dem Königreich «bereits Wirklichkeit», preist Friedman den jungen Saudi überschwänglich.

MBS vertraut derselben PR-Agentur wie Erdogan

Doch wo steht das Land wirklich? Wie ist der beängstigende Aktionismus des jungen Saudis zu bewerten? Einen längst überfälligen Reformprozess erlebt Saudi-Arabien tatsächlich. Wie «bedeutungsvoll» die Veränderungen, die (keinesfalls abgeschlossene) Entmachtung der Religionspolizei oder die versprochene Gleichstellung der Frauen einmal sein werden, wird sich erst in einigen Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten zeigen. Bin Salman muss verstehen, dass dringend notwen­dige gesellschaftliche und wirtschaftliche Reformen nicht über Nacht durchgesetzt, durchgepeitscht werden können.

Für seinen Mut, die Dinge in die Hand zu nehmen, verdient MBS Anerkennung und Applaus. Für dessen Inszenierung als aufgeklärter, zupackender Manager eines modernen Königreiches ist seit Sommer die US-PR-Agentur Burson-Marsteller zuständig. Das auf Krisenmanagement spezia­lisierte Unternehmen betreute einst die Öffentlichkeitsarbeit von Pinochet und der argentinischen Militärjunta und wurde unlängst auch vom türkischen Präsidenten Erdogan engagiert.

Wenn MBS nächste Woche tatsächlich zur «Person des Jahres» gekürt wird, ist dies auch der Verdienst der amerikanischen Public-Relation-Manager. Dabei ist der jüngste Sohn alles andere als ein Überflieger. Sein Jurastudium absolvierte er ausschliesslich in Riad. Englisch spricht er eher mässig. Was ihn auszeichnet, auch von seinem Vater bewundert wird, ist seine Durchsetzungsfähigkeit, der MBS auch den Spitznamen «Bulldozer» verdankt. Kritiker bezeichnen den schwergewichtigen Saudi als verbohrt. Selbst Friedman, sein Bewunderer, gibt in seinem Essay zu bedenken, dass es «der extrem kleine Beraterkreis des Saudis nur selten wage, MBS ausreichend zu hinterfragen».

Mit verheerenden Konsequenzen. So nehme der antiiranische Kurs der Saudis unter der Führung von MBS «immer mehr die Züge einer paranoiden Obsession an», analysiert der für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik tätige Saudi-Arabien-Experte Sebastian Sons. Der saudische Thronfolger stilisiere den Iran als Wurzel allen Übels, die die Region ins Chaos stürze und aufgehalten werden müsse.

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