100 Jahre Finnland – ein Balanceakt

STAATSGRÜNDUNG ⋅ Das Land feiert in diesen Tagen 100 Jahre Unabhängigkeit. Das Verhältnis zum grossen Nachbarn Russland ist für das EU-Mitglied seit dem 6. Dezember 1917 kaum einfacher geworden.
04. Dezember 2017, 07:27

Niels Anner, Kopenhagen

Am Mittwoch feiert Finnland den Unabhängigkeitstag. Bereits morgen, einen Tag vor den Paraden, Flaggenzeremonien, Konzerten und Reden, werden die Feierlichkeiten im privaten Rahmen eingeläutet – zu Hause in den Stuben mit Kaffee und Kuchen, ganz nach dem Motto des 100-Jahr-­Jubiläums: «Zusammen».

Der Marktplatz in Helsinki und Plätze in anderen Städten werden blau-weiss ausgeleuchtet – wie auch das Kolosseum in Rom, die Niagarafälle oder der Belem-Turm in Portugal; es sind Zeichen dafür, dass das kleine Land im hohen Norden international geschätzt und bekannt ist; durch seine Erfolge mit Nokia, bei der Pisa-Studie, aber auch wegen Eigenheiten wie der Sauna oder der flachen Landschaft mit den über 100000 Seen.

Zwischen Ost und West

Eine besondere Position hat Finnland mit seinen 5,5 Millionen Einwohnern nicht nur geografisch, sondern auch historisch: Das Land war immer geprägt durch die Lage zwischen Ost und West, zwischen Russland und Europa. Dies gilt heute unvermindert. Nach 600 Jahren unter schwedischer Kolonialherrschaft folgte ab 1809 eine Periode als Teil des russischen Kaiserreichs, jedoch als vergleichsweise eigenständiges Grossfürstentum.

Im Berliner «Tagesspiegel» schrieb Henrik Meinander, renommierter Historiker der Universität Helsinki, Finnland habe durch seine Sprache und Kultur einen selbstständigen Charakter bewahrt und früh demokratische Ansätze entwickelt, etwa mit dem Frauenstimmrecht 1906 oder einer grösseren Zahl Parteien. So sei das Land «reif für nationale Souveränität» gewesen, als 1917 die Russische Revolution ausbrach. Schnell nutzte das finnische Parlament das Machtvakuum und verabschiedete die Unabhängigkeitserklärung. Gefestigt wurde die Selbstständigkeit aber erst mit dem Zweiten Weltkrieg, als Finnland zunächst einen Angriff der Sowjetunion abwehrte, aber grosse Gebiete verlor. Danach griff es mit der Wehrmacht Stalins Truppen an – schloss aber in einer laut Meinander «kunstvollen Kehrtwende» 1944 mit den Alliierten einen Waffenstillstand.

In den Folgejahren erreichte Finnland auch mit Moskau eine Versöhnung, das einen Puffer gegen Westen wünschte. Finnland erarbeitete sich durch ständiges geschicktes Austarieren und Beharren auf seiner Neutralität eine Sonderposition. Dazu gehört, dass das Land bis heute nicht Nato-Mitglied ist, es den Dialog mit der Sowjetunion auch im Kalten Krieg aufrechterhielt und mit ihr lukrative Handelsabkommen abschloss. Diese halfen Finnland, seinen nordischen Wohlfahrtsstaat zu finanzieren.

In den letzten 30 Jahren hat sich die finnische Position nach Westen geneigt, wo sich das Land mit seiner starken Demokratie auch zugehörig fühlt. Investitionen in Bildung und Innovation machten es äusserst wettbewerbsfähig, der EU-Beitritt 1995 brachte wirtschaftlichen Schub und mehr Nähe zu Europa als je zuvor. Finnland hat nach den Konflikten um Krim und Ukraine die Russland-Sanktionen mitgetragen.

Annäherung an die Nato

Militärisch wird die Kooperation mit der Nato zunehmend intensiver, denn das aggressive Auftreten des Kremls in der Ostsee, gefährliche Flugmanöver russischer Kampfjets und konkrete Drohungen gegen das Baltikum verunsichern auch Finnland. Es hat wie Schweden 2016 mit der Nato ein Gastlandabkommen unterzeichnet. Dieses erlaubt in Krisenzeiten Übungen, logistische Unterstützung sowie Einsätze von Nato-Truppen in den beiden Ländern, sofern diese das Bündnis dazu einladen. Schwedische und finnische Kampfjets nehmen ­zudem an Nato-Luftüberwachungen teil. Wie die anderen nordischen Länder hat auch Finnland sein Verteidigungsbudget erhöht und wappnet sich gegen eine steigende Anzahl an Cyberangriffen. Zusammen mit der EU und den USA wurde in Helsinki diesen Herbst ein Zentrum gegen Bedrohungen hybrider Kriegsführung eröffnet.

Dennoch ist ein Beitritt zur Nato kaum Thema. Laut Umfragen befürwortet nur ein Fünftel der Bevölkerung einen solchen Schritt, und auch politisch gibt es keine Mehrheit dafür. Präsident Sauli Niinistö gab sich zwar zuletzt erstaunlich offen in der Debatte darum, aber wenn er im Januar zur Wiederwahl antritt, wird das Thema Nato im Wahlkampf unwichtig sein. Gleichzeitig stellte Niinistö zuletzt in mehreren Interviews klar, dass er an einer Beruhigung der Lage in der Ostsee interessiert ist und dafür auch weiterhin das Gespräch mit Russlands Präsident Putin sucht. Dabei spreche man «freiheraus und deutlich» miteinander. Dies gilt aber auch für den Kreml, der Finnland in klaren Worten vor einer Annäherung an die Nato warnt. Putin antwortete bei einem Besuch in Finnland 2016 auf eine entsprechende Frage, dass Russland seine Truppen jederzeit an die finnische Grenze verschieben könne, wenn nötig.

Für Finnland bleibt das Verhältnis zum Nachbarland auch nach 100 Jahren Unabhängigkeit ein Balanceakt.

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