Ein Kaiserreich für ein Pferd

DIPLOMATIE ⋅ Auf seiner China-Visite bleibt Emmanuel Macron seiner undistanzierten Realpolitik treu. Dem Gastgeber Xi Jinping bringt er ein ausgefallenes Geschenk mit: einen Wallach der Republikanergarde.
09. Januar 2018, 08:00

Stefan Brändle, Paris

Bisher trippelte der braune Hengst bei offiziellen Anlässen zu Blasmusik über das Pariser Kopfsteinpflaster. Nun kam ihm die seltene Ehre zu, in Begleitung eines Veterinärs und eines Pflegers per Spezialflugzeug nach China zu fliegen. Die Kosten der Reise sind nicht bekannt, hingegen ihr Zweck: «Vésuve» ist ein Geschenk von Emmanuel Macron an den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping. Der soll sich 2014 in Paris fasziniert über die berittene Republikanergarde geäussert haben.

Macron revanchiert sich mit dem achtjährigen Wallach für den Panda, den das Reich der Mitte unlängst den Franzosen geliehen hat. China-Kenner in Paris verweisen auf den passenden Umstand, dass «Makelong», wie Macron auf Mandarin genannt wird, so viel bedeute wie «das Pferd, das den Drachen besiegt». Die Art, wie sich Macron dem ehemaligen Kaiserreich nähert, wenn nicht anbiedert, ist allerdings rundum friedfertig.

Pferd als Symbol für aussenpolitischen Ansatz

Macrons «Pferdediplomatie» ist sozusagen der verlängerte Arm seines Ansatzes, «mit allen zu reden», wie sich der charmante Staatschef ausdrückt. Und zwar unterschiedslos, ob es sich um eine «Freundin» wie die deutsche Kanzlerin Angela Merkel oder einen Despoten wie den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad handelt. Seit seinem Amtsantritt hofierte Macron schon dem russischen Staatschef Wladimir Putin auf Schloss Versailles; US-Präsident Donald Trump lud er als einzigen Ehrengast zur Truppenparade des französischen Nationalfeiertages ein. Macron mag die prunkvolle Symbolik solcher Anlässe, die französisches Prestige herausstreichen und bei den Franzosen auf Wohlwollen stossen. Meist zumindest: Seine hilfsbereiten Kontakte zum saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman bewirken auch in Paris Stirnrunzeln; und als Macron am vergangenen Freitag den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan empfing, ohne die Fälle inhaftierter Franzosen in Istanbul auszureizen, erklärte sogar eine Mehrheit der Franzosen in einer Umfrage, das Treffen sei deplatziert gewesen.

Zu seiner China-Reise listen Zeitungen die jüngsten Menschenrechtsverstösse Pekings auf: die Verurteilung des Bloggers Wu Gang, die Inhaftierung des Tibeters Tashi Wangchuk, die Repressalien gegen die Gattin von Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. Macron selbst geht es eher um die erwarteten Aufträge für den Flugzeugbauer Airbus, die französische Atomindustrie oder die französische Supermarktkette Auchan. 50 Unternehmenschefs begleiten Macron auf der China-Reise im zweiten Flugzeug – dem des Präsidenten.

Im Wissen, dass Trump, Merkel oder die britische Ministerpräsidentin Theresa May innenpolitisch absorbiert sind, schlägt der 40-jährige Franzose den Chinesen eine «Partnerschaft» im wirtschaftlichen, diplomatischen und sogar ökologischen Bereich vor. Gestern startete er seine mehrtägige China-Visite – seine erste als gewählter Präsident – mit dem Besuch der ehemaligen Kaiserstadt Xian. Die Seidenstrasse, die von Peking derzeit neu aktiviert wird, dürfe nicht eine Einbahnstrasse sein, meinte er, bevor er am Abend mit Xi in Peking zusammentraf. Dort plädierte er für mehr chinesischen Druck auf Nordkorea sowie eine wirtschaftliche «Allianz Frankreich-Europa-China».

Unerwähnt blieb eine ausgesprochen kritische, 466 Seiten lange Studie der EU-Kommission über die Wettbewerbsverzerrung und Dumpingpraktiken der 150 000 chinesischen Staatsfirmen unter Aufsicht der Kommunistischen Partei. Macron weiss natürlich darum. Auch beteuert er fortwährend, dass er die Dinge beim Namen nenne. Die Frage ist nur, ob dies gegenüber Peking wirkt, wenn zugleich eine lächelnde Geschenkdiplomatie betrieben wird.

Europäische Hilflosigkeit gegenüber China

Dies schliesse keineswegs aus, in der Sache hart zu bleiben, sagen Pariser Diplomaten. Auf jeden Fall offenbart der französische Spagat die zunehmende Hilflosigkeit der Europäer gegenüber einer chinesischen Wirtschaftsmacht, in die jeden Tag 450 Millionen Euro aus der EU abfliessen, wie die EU-Kommission errechnet hat. Da scheint es gar nicht so sicher, dass der Drache wirklich gegen das Pferd unterliegt.

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