Ein neues Kulturzentrum für Erdogan

TÜRKEI ⋅ Das berühmte bisherige Atatürk-Kulturzentrum am zentralen Taksim-Platz in Istanbul soll auf Wunsch des Präsidenten einem neuen Gebäude weichen. Kritiker werfen Erdogan vor, die Erinnerung an die säkulare Kultur der Türkei auslöschen zu wollen.
14. November 2017, 07:28

Wolf Wittenfeld, Athen

Am meisten beeindruckt der rote Ball im Zentrum. Wie ein freischwebender Kubus füllt er das Zentrum des Gebäudes und soll auch durch die transparente Fassade zu sehen sein. Geschwungene Wendeltreppen führen um ihn herum in andere Teile des Komplexes, in eine Bibliothek, einen Theatersaal, einen Kammermusiksaal und nicht zuletzt ein grosszügiges Restaurant mit Blick auf den Bosporus.

Der rote Kubus bildet das Gehäuse für einen spektakulären Opernsaal, in dem schon bald 2500 Personen Platz finden sollen – es soll eines der grössten Opernhäuser der Welt werden. Die Fassade soll sich in einen gigantischen Bildschirm verwandeln lassen, der die Opernaufführung auch auf den Platz vor dem Gebäude übertragen könnte. Aber es geht nicht nur um Oper, auch andere Veranstaltungen im zukünftigen Kulturzentrum könnten dort gezeigt werden.

«Neues Zentrum des lebendigen Istanbul»

Das Video des renommierten Istanbuler Architekturbüros Tabanlioglu vermittelt den Eindruck eines höchst modernen, interessant konzipierten und vielfältig nutzbaren Kulturzentrums. «Das Haus», sagte Murat Tabanlioglu bei der Präsentation des Projektes vor wenigen Tagen, «wird das neue Zentrum des lebendigen Istanbul. Wir sind stolz, dieses Gebäude bauen zu dürfen.»

Den Startschuss für den Bau gab kein Geringerer als der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan persönlich. Gemeinsam mit seinem Kulturminister Numan Kurtulmus habe er den Entwurf ausgewählt, sagte er bei der Präsentation, nun werde er «gemeinsam mit dem Minister den Baufortschritt genau verfolgen». Bereits 2019 soll die neue Oper von Istanbul ihre Pforten öffnen.

So spektakulär die Pläne an sich sind: Die eigentliche Bedeutung gewinnt das Gebäude, so es denn wirklich realisiert wird, durch den Platz, an dem es entstehen soll. Das neue Kulturzentrum soll genau an der Stelle gebaut werden, wo jetzt noch die Ruine des Atatürk-Kulturzentrums (AKM) am zentralen Istanbuler Taksim-Platz steht.

Dieses Kulturzentrum gehört zu den symbolisch am stärksten aufgeladenen Gebäuden der Türkei. In den 30 Jahren, in denen es in Betrieb war, repräsentierte es alles, was die moderne kemalistische Türkei kulturell sein wollte – und was die islamische AKP ­Erdogans ablehnt. Eine grosse Oper, vitale Theatervorstellungen, aber auch Raum für kontroverse politische Veranstaltungen: Das AKM war über Jahrzehnte das kulturelle Herz des Landes. Orhan Alkaya, einer der bekanntesten Theaterregisseure der Türkei, sagte über das alte AKM: «Das AKM ist ein wesentlicher Erinnerungsort für das kulturelle Leben der Türkei.»

Weil es vielen türkischen Künstlern und Intellektuellen so geht, ist der neue Bau schon deshalb eine Provokation, weil der alte dafür abgerissen werden soll. «Ich bin strikt gegen den Abriss», sagt Ahmet Say, Musikkritiker und Vater des bekanntesten türkischen Pianisten Fazil Say. «Wenn wir an den Taksim-Platz denken, denken wir an das AKM und die grossen Demonstrationen zum 1. Mai. Die AKP und Erdogan wollen die Erinnerung an beides auslöschen.»

Denn das AKM erinnert noch an ein anderes Ereignis, das Erdogan gerne vergessen lassen möchte. Als im Mai 2013 die Gezi-Proteste in dem direkt an das AKM angrenzenden Park begannen, stand das AKM bereits seit fünf Jahren leer. Wegen angeblicher schwerer Baumängel hatte die AKP-Stadtverwaltung das Gebäude sperren lassen. Alle Anläufe zur Sanierung scheiterten, obwohl die Kulturstiftung der Sabanci-Holding 30 Millionen Lira für die Erneuerung zur Verfügung gestellt hatte. Der Grund dafür war offensichtlich. Trotz anderslautenden Beteuerungen wollte die AKP das Gebäude loswerden. Das AKM prägte den republikanischen Charakter des Taksim-Platzes. Die Oper war für die AKP Ausdruck «westlicher Dekadenz», mit der «unsere Leute», wie ein früherer AKP-Kulturminister sich ausdrückte, nichts anfangen können. Es war ein offenes Geheimnis, dass Erdogan das AKM am liebsten abreissen lassen würde, um dort eine grosse Moschee zu platzieren.

Polizeieinheiten verhindern Demonstrationen

Während der Gezi-Proteste wurde das leer stehende Gebäude von Aktivisten der Protestbewegung besetzt. Als Erdogan die Proteste Ende 2013 brutal niederschlagen liess, wurde das AKM geräumt und dort Polizeieinheiten einquartiert, die seitdem dafür sorgen, dass auf dem Taksim-Platz keine Demonstrationen mehr stattfinden können. In den letzten Jahren wurde der Taksim-Platz verkehrsberuhigt. Auf der dem AKM gegenüberliegenden Seite hat im Februar der Bau einer Moschee begonnen, allerdings in kleinerem Massstab, als Erdogan es gern gehabt hätte.

Obwohl der Präsident bei der Ankündigung des Neubaus noch einmal auf die «ideologisch verbohrten Kritiker» seiner Projekte eindrosch, ist der jetzt geplante Neubau doch ein unausgesprochenes Kompromissangebot an die säkulare Kulturszene. Der Architekt Murat Tabanlioglu ist der Sohn des ursprünglichen Erbauers Hayati Tabanlioglu und damit das personifizierte Versprechen, das Vermächtnis seines Vaters fortzuführen. Ausserdem soll das Gebäude den alten Namen «Atatürk Kültür Merkezi» behalten. Wie weit aber auch die Freiheit der Kunst in dem neuen Gebäude einen Platz bekommt, ist eine ganz andere Frage. Schon lange müssen Theateraufführungen in den öffentlichen Häusern von einem zentralen staatlichen Kulturausschuss genehmigt werden, viel Freiraum existiert da nicht mehr.

Erdogan tröstet sich derweil mit der Vorstellung, dass unter seiner Regie wieder einmal ein Projekt der Superlative realisiert wird. Eines der «grössten, schönsten und besten Opernhäuser der Welt», so der Präsident.


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