Ein nobler Preis für eine ferne Utopie

FRIEDENSNOBELPREIS ⋅ 318 Anwärter hat es in diesem Jahr gegeben. Bekommen hat ihn die internationale Kampagne für die Ächtung aller Atomwaffen – für ihr Bemühen, Aufmerksamkeit auf die katastrophalen Folgen atomarer Waffen zu lenken.
06. Oktober 2017, 22:08

Auf ein Jahr erfolgreicher Friedensbemühungen hat das Preiskomitee in Oslo nicht zurückblicken können. Dennoch musste es sich mit einer langen Liste von Kandidaten auseinandersetzen: 215 Persönlichkeiten und 103 Organisationen waren für den Friedensnobelpreis nominiert worden. Erhalten hat ihn «Die internationale Kampagne zur weltweiten Ächtung von Atomwaffen» (Ican). Eine noble Entscheidung – und einmal mehr eine vor allem symbolische Intervention. Friedensforscher wie Dan Smith haben für den diesjährigen Preis schon früh den Kampf gegen Atomwaffen als «grosses Thema» gesehen: «Es wäre angemessen, wenn der Preis an eine Gruppe oder eine Person ginge, die sich für nukleare Abrüstung einsetzt», hatte der Direktor des Stockholmer Friedensinstituts Sipri im Vorfeld des Entscheides in Oslo erklärt. Konkreter war die Einlassung des norwegischen Friedensforschers Henrik Urdal gewesen. Er setzte die «Architekten» des Atomabkommens mit Iran ganz oben auf die Liste der Kandidaten: den iranischen Aussenminister Mohammed Jawad Zarif und die EU-Aussen­beauftragte Federica Mogherini. Urdal begründete dies so: «Wir sind in einer Situation, in der die Anwendung von Atomwaffen mehr als nur eine theoretische Möglichkeit ist.»

Der Friedensnobelpreis ist in angespannter Weltlage vergeben worden. Nordkorea reiht einen Atomwaffentest an den nächsten und will auch schon eine Wasserstoffbombe gezündet haben. US-Präsident Donald Trump droht dem Land mit totaler Vernichtung. Viele Menschen haben zumindest das Gefühl, die Situation könne jederzeit eskalieren. Abrüstung und die Vision einer atomwaffenfreien Welt scheinen so weit entfernt wie zu Zeiten des Kalten Krieges. Dieses Ziel ist derweil so alt wie die Atomwaffen und ihre bisher einzigen Einsätze durch die USA 1945 über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki. Wesentlich von der Preisträgerin Ican initiiert, hat die UNO im Juli zwar einen Vertrag zur weltweiten Ächtung verabschiedet. Gegen den Widerstand aller offiziellen und inoffiziellen Atommächte haben diesem Vertrag 122 Staaten zugestimmt. In Kraft ist er aber bisher nicht, weil ihn die dazu mindestens notwendigen 50 Länder noch nicht ratifiziert haben. Aber auch wenn er in Kraft gesetzt werden könnte, wird er an der Realität wenig ändern. Dazu ist die Macht der Atomwaffenbesitzer einfach zu gross, ihr politischer Wille zur Abrüstung zu klein.

Der diesjährige Friedensnobelpreis soll gegen die Atomlogik wirken. Die zwischen Russland und den USA bereits beschlossene, aber laut dem Friedensinstitut Sipri ins Stocken geratene Reduktion ihrer nuklearen Arsenale droht obsolet zu werden. Beide Staaten besitzen 93 Prozent aller bestehenden, einsatzfähigen Atomwaffen. 6800 in den USA und 7000 in Russland. In beiden Ländern sind zudem teure Modernisierungs­programme im Gange. Das US-Programm wurde noch in der Amtszeit des Präsidenten und Friedensnobelpreisträgers Barack Obama initiiert und wird jetzt von der Trump-Regierung weiter vorangetrieben. Zusammen mit der Entwicklung neuer Bomber, atomarer U-Boote und Träger­raketen werde dieses Programm laut Berechnungen des US-Kongresses in den kommenden zehn Jahren rund 400 Milliarden Dollar verschlingen. Russland, so schätzt das Institut, werde zumindest versuchen, «eine strategische Parität mit den USA» aufrechtzuerhalten.

Der Preis ehrt Hunderte Ican-Gruppen und Zehntausende Aktivisten. All jene, die sich weiter gegen die atomare Logik stemmen. Er ist zwar eine noble, aber eben doch symbolische Geste.

Walter Brehm

Video: Friedensnobelpreis für Kampagne gegen Atomwaffen

Der Friedensnobelpreis geht in diesem Jahr an die in Genf ansässige Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN). Die Auszeichnung ist ein Beleg für die Anstrengungen der Kampagne im Kampf gegen Nuklearwaffen. Im Video berichten die Direktorin Beatrice Fihn sowie der Gruppenkoordinator Daniel Högsta über ihre Reaktionen auf den Nobelpreis und geben ihre Ansichten über atomare Waffen bekannt. (Joel Espi/sda, 6. Oktober 2017)



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