Ein Stück Sowjetunion im Osten der USA

PHILADELPHIA ⋅ Über vier Millionen Amerikaner haben Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion. Seitdem US-Präsident Donald Trump im Weissen Haus regiert, rücken diese Zuwanderer in den Fokus. Ein Augenschein.
15. September 2017, 07:58

Oliver Bilger, Philadelphia

Die schmalen Glastüren zum Petrovsky Market öffnen sich wie Tore zu einer anderen Welt. Draussen amerikanisches Vorstadtidyll mit akkurat gestutztem Rasen vor den flachen Einfamilienhäusern und US-Fähnchen im Blumenbeet. Drinnen Kaviar aus Russland, Torten aus der Ukraine, salziges Mineralwasser aus Georgien, rundes Fladenbrot aus Usbekistan. Aus den Lautsprechern im Supermarkt tönt die Werbebotschaft einer Migrationsanwältin. Dill-Duft weht aus der Gemüseecke in Kundennasen.

Willkommen an der Bustleton Avenue, im Nordosten Philadelphias, wo das russische Leben in den Vereinigten Staaten besonders sichtbar ist. Apotheker, Schuhhändler oder Friseure werben mit kyrillischen Schildern um Kundschaft. Die Bustleton Avenue ist die Adresse für alle in Amerika, die einst aus dem Osten kamen, um ihr Glück im Westen zu finden – und die sich trotzdem nach einem Stück alter Heimat sehnen.

Die Menschen stammen keineswegs nur aus Russland, sondern ebenso der Ukraine, Moldau, Georgien und anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion. Sie verbindet das historische Erbe – und die gemeinsame Sprache, was sie kurzerhand zu den Russen in Amerika macht. In Philadelphia stellt die russischsprachige Gemeinde in einigen Bezirken bis zu einem Drittel der Bevölkerung, mehrere zehntausend leben in Philadelphia und dem Umland, mit wachsender Tendenz. Mehr als vier Millionen Amerikaner haben familiäre Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion.

Sympathien mit den Republikanern

Seitdem Donald Trump im Weissen Haus regiert und laufend neue Details in der Affäre rund um die mögliche Einmischung des Kreml in die US-Wahl sowie Kontakte zwischen dem Trump-Lager und Moskau ans Tageslicht kommen, rücken diese Zuwanderer in den Fokus. Was denken sie über die Vorwürfe, über die angeblichen Verstrickungen zwischen Trump und Präsident Wladimir Putin? Glauben sie, dass sich der Kreml in die Wahl in den USA eingemischt hat? An der Bustleton Avenue zumindest haben viele Trump gewählt und halten ihm weiter die Treue, auch wenn die Zustimmung im Land sinkt. Selbst wenn es um den Umgang mit Immigranten im Land geht, wie sich noch zeigen wird, stehen viele hinter dem Präsidenten.

Andrej Voloshin ist in den Petrovsky Market gekommen, um zwischen den Theken mit geräuchertem Fisch und Schaschlikspiessen ein paar schnelle Einkäufe zu erledigen. Der 35-Jährige mit rundlichem Gesicht und Zahnlücke, ist vor zehn Jahren aus Kiew nach Philadelphia ausgewandert. Heute betreibt er ein Fliesengeschäft für Bäder und Küchen, gleich neben dem Supermarkt. Seinen richtigen Namen möchte er nicht verraten, wie so viele hier, sofern sie überhaupt bereit sind, Auskunft zu geben. An der Bustleton Avenue bleibt man gerne unter sich, das gilt nicht nur für die russische Gemeinde. Kurz vor Philadelphias Stadtgrenze sind die USA eher ein Mosaik als ein Schmelztiegel. «Trump ist nicht gut für Amerika», findet Volo­shin. «Der sagt einmal dies, einmal das.» Der junge Geschäftsmann erwartet in den kommenden Jahren keine Fortschritte für sein Land.

Sicher, die Amerikaner aus dem ehemaligen Ostblock sind in Sachen Trump zwar gespalten wie der Rest des Landes; die Jüngeren sind meist liberaler, die Älteren oft konservativer, Risse führen mitten durch Familien, die das Thema Politik am Esstisch inzwischen lieber aussparen. Entlang der Bustleton Avenue aber scheinen die Verhältnisse eher klar verteilt – und damit ungewöhnlich für das demokratisch dominierte Philadelphia: Die Sympathien der russischsprachigen Amerikaner liegen in der Mehrheit bei den Republikanern. Die Demokraten setzen viele gleich mit Sozialisten – und vor denen sind die Einwanderer zu Sowjetzeiten geflohen.

Viel Unterstützung für Trump

Nur ein paar Schritte vom Petrovsky Market, im Hinterraum eines Parfümgeschäfts, sitzt Gary Vulakh, breiter grauer Schnauzbart, kurzrasierter Haarkranz. Auch er kam aus Kiew nach Philadelphia, allerdings schon vor fast 40 Jahren, als Moskau den Eisernen Vorhang für Juden in der Sowjetunion ein wenig anhob. Vulakh betreibt heute eine winzige Werkstatt, in der er Schmuck repariert. Dass Russland irgendeinen Einfluss auf die Wahl in seinem Land genommen hat, glaubt er nicht. «Könnten die so etwas überhaupt?», fragt er ungläubig.

Vulakh, ein höflicher 57-Jähriger, unterstützt den amerikanischen Präsidenten voll und ganz. Gewählt hat er ihn zwar nicht, weil er nicht glaubte, dass seine Stimme einen Unterschied mache, aber er hat sich «gefreut, dass Trump gewonnen hat». Für den Amtsvorgänger hat Vulakh weniger übrig. Die Demokraten würden die USA bestehlen, klagt er und meint vor allem unnötige Staatsausgaben, wie etwa den in seinen Augen zu grossen Mitarbeiterstab Michelle Obamas. Trump hingegen habe sein eigenes Vermögen und gebe nicht das Geld der Steuerzahler aus. Eine Meinung, mit der Vulakh keineswegs alleine ist. Die Sympathien für Trump sind dabei keineswegs gleichzusetzen mit einer Unterstützung für Putin. Viele in der russischsprachigen Gemeinde lehnen den Staatschef im Kreml klar ab, sind aber grundsätzlich für freundschaftliche Beziehungen, damit es nicht zum Krieg kommt. Vulakh etwa hofft, dass Trump in der Aussenpolitik auf seine Berater hört. Für Putin hat er keine netten Worte übrig, «Terrorist» ist nur eine seiner Bezeichnungen.

«Trump will das Beste für das Land», glaubt auch Malvina Yakobi, die aus der georgischen Hauptstadt Tiflis nach Amerika kam. Gemeinsam mit Olga Ratnovsky, in Moskau geboren, hat sie vor über 20 Jahren die Zeitung «Philadelphia News» gegründet. Das Blatt ist so etwas wie das Zentralorgan der russisch­sprachigen Gemeinde vor Ort. Ihre kleine Redaktion befindet sich in einem schmucklosen Bürobungalow an einer breiten Ausfallstrasse, gleich hinter der Stadtgrenze.

Wunsch nach einem starken Anführer

«Viele Amerikaner fühlten sich von der Politik vergessen, viele sind von Barack Obama enttäuscht», erklärt Yakobi, wieso so viele hier Trump unterstützen, selbst wenn dessen Politik zum Teil bisweilen eher an die Nachfolgestaaten der Sowjetunion erinnert als an das bekannte Demokratieverständnis der USA. Die Vorgängerregierung sei korrumpiert gewesen, sagt die 57-Jährige mit den blonden Haaren und der dick-umrandeten Brille. Die Berichterstattung der Mainstream-Medien erinnere sie aufgrund der einseitigen Sichtweise an die Propaganda, die sie nur zu gut aus der Sowjetunion kenne. In der Russlandaffäre werde eine Schuld bei Trump nur vermutet und nun versuche man, einen Beweis zu finden. Die Anschuldigungen nennt Diane Glikman «allesamt ein Witz». Glikman, 45 Jahre alt, schwarzes Haar, weisse Bluse, kam mit fünf Jahren aus Kiew in die USA. Sie moderiert eine russischsprachige Sendung im Internet, für die sie mit den Zeitungskolleginnen zusammenarbeitet. «Es gibt nur Gerüchte und keine Beweise», sagt sie.

All die angeblichen Verstrickungen Russlands liessen Putin als «den Grössten der Welt» erscheinen, findet Yakobi, «dabei ist er nicht so mächtig, wie ihn die Medien darstellen.» Sie kann sich nicht vorstellen, dass Russland die Wahl beeinflusst haben könnte, vielmehr handle es sich um ein Ablenkungsmanöver der Demokraten und der Medien, an dessen Ende Trumps Amtsenthebung stehen solle. Auch sie verlangt, dass man dem Präsidenten und seiner Politik zunächst eine Chance geben müsse – auch in der Zuwanderungsfrage. «Wir haben fünf, sechs Jahre gewartet, bis wir die Staatsbürgerschaft bekommen haben», erklärt Glikman, weswegen sie heute selbst für strengere Kontrollen und Gesetze ist, ganz in Trumps Sinne.

Die drei Kolleginnen haben bei der Wahl für Trump gestimmt. Er passe vielleicht nicht optimal ins Weisse Haus, aber Trump wisse, findet Glikman, was die Menschen im Land wollten. Ihr ist ein Geschäftsmann als Präsident lieber als viele andere Politiker.

So manifestiert sich, dass es vielen mehr als um die Person Trump eigentlich um die Vorstellungen und Werte geht, die er verkörpert. Die Jüngeren aus der Zuwanderergeneration sagen gerne: Viele der Älteren hätten ein Stück der Sowjetunion mit in die USA gebracht. Sie meinen den Wunsch der Menschen nach einem starken Anführer. Die Bewunderung für einen, der es in den USA zu etwas gebracht hat. Für sie ist Trump die Personifizierung ihrer konservativen Ideale. Ausserdem, so Malvina Yakobi, gab es noch etwas, das ihre Entscheidung vergangenen November beeinflusst hat: «Wir hatten keine gute Auswahl bei der Abstimmung zum Präsidenten.»


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