Ex-Mitarbeiter über Davis: «Eine faule Kröte, dämlich wie Hackfleisch»

GROSSBRITANNIEN ⋅ James Chapman, Ex-Stabschef im Brexit-Ministerium, sorgt durch sein Liebäugeln mit einer neuen Anti-Brexit-Partei für Furore. Befürworter eines harten Brexit reagieren scharf.
12. August 2017, 09:27

Ein enger Ex-Mitarbeiter des Brexit-Ministers David Davis sorgt in London durch regierungskritische Äusserungen für Furore. Premierministerin Theresa Mays harter Brexit-Kurs stelle eine Katastrophe dar, die wirtschaftlichen Konsequenzen seien völlig unabsehbar, glaubt James Chapman, bis Juni Stabschef im eigens für den EU-Austritt gegründeten Ministerium DexEU. Der konservative Stratege träumt sogar von einer neuen Anti-Brexit-Gruppierung: «Manchmal ist die Nation wichtiger als die Partei.»

Die Idee einer neuen politischen Kraft der Mitte geht in Grossbritannien schon seit Monaten um. Überzeugte Anhänger des EU-Verbleibs stellen sowohl bei den Konservativen als auch in der Oppositionspartei Labour unter ihrem EU-skeptischen Parteichef Jeremy Corbyn nur eine kleine Minderheit dar. Weder die schottische Nationalpartei SNP mit 35 Mandaten noch die landesweiten Liberaldemokraten (12) sind stark genug, um wirkungsvoll die Sache jener 48,1 Prozent zu vertreten, die vor Jahresfrist für den EU-Verbleib gestimmt hatten. In Umfragen hält zwar inzwischen eine Mehrheit den Austritt für falsch, plädiert aber gleichzeitig dafür, die einmal getroffene Entscheidung umzusetzen.

Einst einflussreicher Journalist

Den Anti-Brexit-Strategen fehlen sowohl glaubwürdige Führungspersonen wie auch dringend nötige Geldquellen. Gezielte Anliegen wie im vergangenen Jahr die Klage der Bankerin Gina Miller, die eine Mitwirkung des Parlaments bei der Austrittsentscheidung erzwang, lassen sich mit vielen kleinen Einzelspenden finanzieren. Aber eine neue politische Kraft bräuchte Millionen für den nötigen langen politischen Atem.

So wirken Chapmans Einlassungen ebenso wie vergleichbare Äusserungen des früheren Tory-Abgeordneten Matthew Parris oder des Labour-Ministers Andrew Adonis eher wie unerfüll­bare Klagen gequälter Kreaturen. Dass Chapman nicht nur die Staatsverwaltung, sondern auch die Parteilinie verlassen hat, weist auf einen tiefen Sinneswandel hin. Bisher galt nämlich seine Treue zu den Torys als unumstösslich, und zwar bereits während seiner Arbeit für die Londoner Boulevardzeitung «Daily Mail». 2015 wechselte der Politikchef des einflussreichen Blatts in die Regierung, wurde zunächst Stabschef beim damaligen Finanzminister George Osborne, baute im vergangenen Jahr dann in gleicher Funktion das neu gegründete Brexit-Ministerium unter David Davis mit auf.

Der 68-jährige Minister hat in den vergangenen Monaten immer wieder durchblicken lassen, dass er für einen sanfteren Brexit-Kurs zur Verfügung stünde, am liebsten in der Nachfolge der gescheiterten Premierministerin May. Das rief umgehend die Neider auf den Plan: Davis sei «eine faule Kröte, dämlich wie Hackfleisch und eitel wie Narziss», gab ein enger früherer Mitarbeiter des Umweltministers Michael Gove zu Protokoll.

Gove zählte wie Aussenminister Boris Johnson zu den Galionsfiguren im Referendumskampf. Dass damals das Brexit-Lager die Wählerschaft mit der Falschaus­sage umwarb, das Land überweise pro Woche 350 Millionen Pfund nach Brüssel, die doch viel besser dem Nationalen Gesundheitssystem (NHS) zugutekommen würden, erbittert Brexit-Gegner wie Chapman bis heute. Hätte das Land ein robustes Wahlgesetz, findet der neuerdings als PR-Berater tätige Journalist, «würde Johnson ins Kittchen gehören».

 

Sebastian Borger, London

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