Eine Reissbrettstadt wird erwachsen

KASACHSTAN ⋅ Nächste Woche beginnt in der Hauptstadt Astana die Expo 2017. Aus der einstigen sowjetischen Provinzstadt hat der kasachische Langzeitherrscher Nursultan Nasarbajew eine moderne Metropole bauen lassen.
04. Juni 2017, 08:33

Edda Schlager, Astana

Ein Zimmer, Küche, Bad, Balkon – 35 Quadratmeter. Fünf Menschen leben hier: der 30-jährige Dias Jorashov und seine sechs Jahre jüngere Frau Angela mit ihrem dreijährigen Sohn sowie Angelas Geschwister, 17 und 19 Jahre alt. «Wir haben Glück gehabt, diese Wohnung zu finden», sagt Angela, 150000 Tenge zahlt die Familie pro Monat dafür, rund 460 Franken.

Die Gegend mit den gemauerten Wohnblöcken und viel Grün dazwischen liegt auf dem rechten Ufer des Ischim-Flusses, im alten Teil der Stadt, der früher Zelinograd und in den ersten Jahren der Unabhängigkeit Kasachstans Akmola hiess. 1998, als die kasachische Hauptstadt per Präsidentenerlass von Almaty im Süden des Landes verlegt wurde, erhielt Astana seinen heutigen Namen – zu Deutsch schlicht «Hauptstadt».

Vom Nomadenleben in die Moderne katapultiert

Im Westen hat Astana den Ruf des Exotischen, Wilden, Absurden – der nicht ganz ernst zu nehmende Stadtversuch eines postsowjetischen Despoten. Überhaupt, Kasachstan – ein an Erdöl reiches Land, vom Nomadenleben in die Moderne katapultiert. Mit Staunen registrierte man, wie sich Langzeitherrscher Nursultan Nasarbajew in den vergangenen 20 Jahren, durch Ölmilliarden ­finanziert, eine Hauptstadt nach seinen Vorstellungen formte. Die kleine sowjetische Provinzstadt und die unendlich weite Steppe drumherum wurden zur Projektionsfläche, bespielt von Architekten wie Sir Norman Foster und Kisho Kurokawa.

Die Bewohner sehen die Stadt weitaus nüchterner. Dias’ Familie ist nach Astana gekommen, um sich ein besseres Leben zu erarbeiten, als es die Eltern haben. Sie stammen aus einem Dorf im Süden Kasachstans, 1500 Kilometer von Astana entfernt, und sind damit ganz typische Zuwanderer. Offiziell hatte Astana Ende 2016 rund 872 000 Einwohner – im Jahr 1997 waren es gerade einmal 300 000.

«Es gibt nur zwei Städte in Kasachstan, in denen jüngere Leute eine Perspektive haben», sagt Dias. «Almaty im Süden und Astana.» Er selbst ist 2005 bewusst nach Astana gegangen und nicht nach Almaty: «Es gibt deutlich weniger Korruption», ist er überzeugt. Das sieht Firmin Van Haelst etwas anders. Der 49-jährige Belgier arbeitet als Consultant in der Baubranche, seit 2010 ist er in Astana. Er hat die Stadt um sich herum wachsen sehen – und zahlreiche Korruptionsskandale erlebt. Geschäfte in Kasachstan zu machen, sei schwierig, sagt Van Haelst. «Die Kasachen wollen gerne gross und schnell bauen», sagt er. «Aber Qualität kostet. Und wenn es dann um Geld geht, werden Projekte gern abgespeckt oder plötzlich mit ganz anderen Partnern umgesetzt.»

Taxifahrer verdient mehr als ein Chirurg

Bagdan Musayev (Name geändert) ist jeden Tag mit seinem Taxi auf den riesigen Magistralen Astanas unterwegs. Die Stadt zu Fuss zu bewältigen, ist kaum möglich, die Entfernungen sind enorm, die Strassen sechs-, achtspurig. Auf der Mittelkonsole seines staubigen Audi A6, der mindestens 15 Jahre alt ist, hat Bagdan ein Hochzeitsbild verstaut und zeigt es bereitwillig. «Anfang Mai haben wir geheiratet», erzählt er stolz. Neben dem Hochzeitsbild liegt die Kopie seines Abschlusszeugnisses, erst wenige Tage alt. «Wegen der Expo haben sie uns noch ganz schnell die Prüfungen machen lassen.» Er sei Chirurg, seine Frau Krankenschwester. Beide seien aus unterschiedlichen Landesteilen hierhergekommen. Ob er jemals als Arzt arbeiten werde, weiss er nicht. Als Chir­urg würde er pro Monat rund 60 000 Tenge (rund 185 Franken) verdienen, mit dem Taxi dagegen 10 000 Tenge pro Tag.

Für viele Bewohner in Astana sind die Wohnungen im neuen Teil der Stadt unerschwinglich. Der 30-jährige Assylzhan Ismailov (Name geändert) hat dennoch gleich drei davon. Alle liegen rund um das Zentrum des neuen Astana zwischen dem Präsidentenpalast mit dem riesigen Sporn auf dem Dach und dem futuristischen Kuppelzelt Khan Shatyr. Ismailov vermietet die Wohnungen tageweise an Touristen – «das lohnt sich mehr als langfristige Mietverträge mit Ausländern».

Astana ist eine Beamtenstadt. Wer Karriere im Staatsdienst machen will, muss hierherkommen. Vor allem die Bewohner der alten Hauptstadt Almaty, bis heute ­Finanz- und kulturelles Zentrum Kasachstans, rümpfen deshalb die Nase über Astana. Das Wetter sei zu schlecht, es gebe keine Kultur, es ginge nur um Geld. Tatsächlich sieht die Technik hinter den glitzernden Fassaden der Wolkenkratzer nicht immer vertrauenerweckend aus – lose Kabel hängen aus den Wänden, Fenster im 30. Stock sind zum Teil mit Karton verklebt.

Keine Liebe, aber Akzeptanz

Und dennoch ist Astana eine lebenswerte Stadt geworden. Der belgische Consultant Van Haelst lobt den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, «auch per Bus kann ich mittlerweile alle Ecken der Stadt bequem erreichen». Der junge Familienvater Dias wüsste keinen besseren Ort in Kasachstan, um seinem Sohn eine Perspektive zu bieten. Der taxifahrende Chirurg Bagdan wird mit seiner Frau gerade sesshaft.

Einheimische und Zugezogene haben die Stadt angenommen. Liebe ist es zwar noch nicht geworden, aber die Menschen sind da. Und die meisten von ihnen werden auch bleiben.


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