Emmanuel Macrons originellster «Marcheur»

FRANKREICH ⋅ Hunderte unkonventioneller Abgeordneter dürften heute ins Parlament einziehen. Der schillerndste ist Cédric Villani.
18. Juni 2017, 08:20

Wie viele Punkte fehlen von 47,5 Prozent bis zum Wahlsieg? Cédric Villani kann über die Rechenaufgabe nur lachen. Der Inhaber der Fields-Medaille, der weltweit angesehensten Mathematiker-Auszeichnung, gibt eine Antwort, die zumindest politisch korrekt ist: Auch wenn er im ersten Durchgang der Parlamentswahlen ein gutes Resultat erzielt habe, gelte es, «mobilisiert zu bleiben».

«Gut» ist doch eher untertrieben. Hinter Villani, der hier im Pariser Vorortsdepartement Essonne 47,5 Prozent Stimmen geholt hat, musste sich die Zweitplatzierte, die Konservative Laure Darcos, im ersten Wahlgang mit 16,8 Prozent begnügen. Die übrigen dreizehn Kandidatinnen und Kandidaten, meist der Linken zugehörig, sind ausgeschieden und rufen, wenn überhaupt, mehrheitlich zur Wahl des Parteilosen Villani im zweiten Durchgang auf.

«Weder links noch rechts»

Die Lösung der Rechenaufgabe: Der 43-jährige Familienvater mit dem exotischen Look irgendwo zwischen Dandy und Hippie darf in der Stichwahl heute mit dem Einzug in das 577-köpfige französische Parlament rechnen. Wie etwa 400 andere «Marcheurs», die Kandidaten der Macron-Bewegung «La République en Marche» (LRM). Villani ist wohl der bekannteste von allen. Ein Star wider Willen. Mit seiner farbigen Künstlerschleife und der obligaten Spinnenbrosche – deren tiefere Bedeutung er geheim hält – verkörpert der weltweit geach­tete Mathematiker heute die politische Erneuerung Frankreichs. Wo er steht? «Weder links noch rechts», meint er, um anzufügen: «Aber auch nicht in der Mitte.» Und positiv ausgedrückt? «Wichtig ist mir, dass wir von der Vielfalt aller Bürger profitieren, dass wir unsere Unterschiede wie eine Bereicherung ausnützen.»

Einsatz für Jugendliche aus Einwandererfamilien

Seit 2009 wohnt Villani am Südwestrand der französischen Hauptstadt. In den betuchten Vorortsgemeinden haben Freiberufler, leitende Angestellte oder Akademiker meist für Macron votiert. Ihre Stimme hat auch Villani. Deshalb konzentriert er seine Anstrengungen nun auf die soziale Kehrseite des Departementes. An diesem Nachmittag besucht er Les Ulis, eine 1977 aus dem Boden gestampfte «ville nouvelle» (Neustadt), heute eine Banlieue-Zone mit ziemlich üblem Ruf. Dort erklären die Anwohner Villani, dass die Kriminalität hier nicht höher sei als anderswo. Der «Marcheur» hört zu und macht sich eifrig Notizen. Zuhören statt zusprechen: So lautete schon die erfolgreiche Strategie der «Macron-Helpers» im Präsidentschaftswahlkampf.

Gesprächiger ist Villanis Sekundant Baptiste Fournier, der schon in Kabinetten sozialistischer Lokalpolitiker gewirkt hatte. Er begeistert sich für Rap-Musiker und Fussball-Nationalspieler wie Thierry Henry, Martin Evra oder Anthony Martial, die in Les Ulis aufgewachsen waren. Villani korrigiert: «Die Jugendlichen aus den Einwandererfamilien haben genug davon, von der Schule weg in die Sparten Musik oder Sport eingeteilt zu werden. Viele fragen mich: Wie kann ich Unternehmer werden?» Als gewiefter Mathematiker hat sich Villani länger mit der Boltzmann-Konstanten befasst als mit der Logik einer Wahlkampagne – doch Macron’sche Werte wie Arbeit und Unternehmerfreiheit verficht er überzeugt. Wie Macron verurteilt er auch die Kolonialpolitik Frankreichs: Politisch mutig verlangt er, dass sich Paris bei Algerien entschuldige.

 

Stefan Brändle, Paris

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