Es ist noch nicht geschafft

WELT-AIDS-TAG ⋅ Auch wenn schon viel erreicht wurde in der Bekämpfung von HIV und Aids, Entwarnung gibt es noch lange keine. Weder hier noch in Afrika. Warum, das wissen zwei Experten.
26. November 2017, 10:10

Susanne Holz

Man sollte ihm Aufmerksamkeit schenken, dem Welt-Aids-Tag am 1. Dezember. Denn dieser Tag lenkt den Blick auf eine Krankheit, die viele fast schon vergessen haben. Nach wie vor ist Aids aber nicht heilbar, und weltweit sind viele Menschen von den ­gravierenden Konsequenzen der Viruserkrankung betroffen.

Jochen Ehmer, Tropenmediziner bei SolidarMed (siehe Hinweis), war von 2004 bis 2007 in Mosambik im Einsatz. Er sagt: «Es hat mich schlicht umgehauen, dass im Spital jedes zweite Kind und jeder zweite Erwachsene HIV-positiv war.» 13 % der Bevölkerung in Mosambik sind heute HIV-positiv. In Lesotho sind es 25 %. In Südafrika sind es 19 % oder 7,1 Millionen Menschen, was nahezu 20 % aller Betroffenen weltweit entspricht.

«Bis heute ist im südlichen Afrika HIV der Hauptgrund, warum Menschen sterben», sagt Ehmer. Der Experte hat den Überblick: «Von den 36,6 Millionen HIV-infizierten Menschen weltweit sind aktuell nur 19,5 Millionen in Behandlung. Und pro Jahr stecken sich 1,8 Millionen Menschen neu an.» 76 % der Infizierten entfielen auf Afrika, weitere HIV-Herde gebe es in Russland und Südostasien. In Südostasien seien vor allem Sexarbeiter/innen betroffen, in Russland Gefängnisinsassen und Drogensüchtige. Im ländlichen südlichen Afrika hingegen grassiere Aids unter heterosexuellen Geschlechtspartnern – speziell treffe es auch heranwachsende Mädchen, die sich älteren Männern als Prostituierte anbieten.

«Es gibt eine Aids-Müdigkeit»

Viel Zeit ist vergangen, seit am ­ 5. Juni 1981 mit dem Bericht der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) über eine seltsame Häufung von Todesfällen in Los Angeles HIV ins Bewusstsein der Welt trat. Viele Menschen starben jämmerlich. Doch die Forschung wurde vorangetrieben, und seit 2004 haben sich laut Jochen Ehmer die medizinischen Möglichkeiten dramatisch verbessert: «Es gibt heute kostenlose Selftests in Afrika. Generell gibt es Medikamente mit weniger Neben­wirkungen, es stehen 30 Wirkstoffe mit 20000 möglichen Kombinationen zur Verfügung. Biomedizinische Massnahmen wie den Vaginalring gibt es teils auch in Afrika. Es gibt mehr Prophylaxe. Nicht zuletzt: Dank Medikamenten lässt sich eine Ansteckung bei Geburt oder Geschlechtsverkehr verhindern.»

Wo liegt dann das Problem? «Nur noch 500 000 Ansteckungen/Jahr im Jahr 2020, das ist das Ziel», sagt Jochen Ehmer. «Doch das wird man nicht schaffen. Es gibt eine Aids-Müdigkeit, obwohl die Möglichkeiten da sind. Was fehlt, sind der Wille und das Geld.» Er betont: «Der Brand ist nur zu zwei Dritteln gelöscht. Man muss ihn aber ganz löschen, sonst flammt er wieder auf.»

Als Tropenmediziner bei SolidarMed weiss Ehmer, was in Afrika noch zu tun ist: «Man muss die Gesundheitssysteme stärken. Es fehlt an Infrastruktur, an Spitälern, Personal. Wir haben auch festgestellt, dass Patienten ihre Medikamente besser einnehmen, wenn sie Gruppen bilden. Der Weg zum Medikament ist in Afrika oft weit und mühsam.»

Hometests in der Schweiz noch nicht zugelassen

Nun ist Afrika nicht mit der Schweiz zu vergleichen, die übrigens neben den USA weltweit führend im HIV-Engagement ist. Doch auch hierzulande wurde schon zurückgeschraubt bei den Massnahmen.

Marlies Michel, Geschäftsleiterin bei S&X Sexuelle Gesundheit Zentralschweiz, weiss: «Die Mittel des Bundes haben in den letzten Jahren für die Prävention kontinuierlich abgenommen und werden vor allem dort eingesetzt, wo HIV ein Thema ist. In der Schweiz vor allem in den urbanen Zentren und in Kantonen, welche eine hohe Migrationsbevölkerung aus Hochprävalenzländern haben (Subsahara-Afrika). So die Kantone VD, GE, NE, BE.» Die medikamentöse Prävention (PrEP) werde vor allem bei Männern angewendet, die Sex mit Männern haben, und sei derzeit für heterosexuelle Menschen kein Thema, höchstens – und nur punktuell – für Sexarbeiterinnen. Sie wird nicht über die Grundversicherung bezahlt.

Auch Hometests sind in der Schweiz noch nicht zugelassen. «Sie bergen das Risiko, dass jeder Test falsch positiv, respektive reaktiv, ausfallen kann. Anderseits gibt es sie in den USA, Frankreich und England», sagt Michel.

Hinweis

SolidarMed ist ein Schweizer Verein, der sich für die Gesundheit in Afrika einsetzt. Schwerpunktländer: Lesotho, Mosambik, Tansania, Sambia, Simbabwe. Der Verein mit Sitz in Luzern wurde 1926 als Schweizer Katholischer Verein für Missionsärztliche Fürsorge gegründet. www.solidarmed.ch

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