Ex-RAF-Frau bittet um Verzeihung

DEUTSCHLAND ⋅ Vor 40 Jahren erschütterte eine Terrorserie der Rote-Armee-Fraktion (RAF) das Land. Viele Morde sind nicht aufgeklärt. Eine Ex-Terroristin ruft ihre einstigen Gesinnungsgenossen auf, ihr Schweigen zu brechen.
01. Dezember 2017, 07:27

Christoph Reichmuth, Berlin

40 Jahre nach der Ermordung des einstigen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer bricht das ehemalige RAF-Mitglied Silke Maier-Witt gegenüber den An­gehörigen ihr Schweigen. Die 67-jährige Rentnerin traf sich in ihrer Wahlheimat in der mazedonischen Hauptstadt Skopje mit Schleyers jüngstem Sohn Jörg Schleyer. «Es klingt so platt. Aber ich möchte erst einmal um Verzeihung bitten», sagte die freundlich wirkende Frau zu dem 63-Jährigen. Das erstmalige, fast acht Stunden dauernde Aufeinandertreffen zwischen einer am Mord Schleyers zumindest indirekt beteiligten ehemaligen RAF-Terroristin und Jörg Schleyer wurde von der Zeitung «Bild» gefilmt.

Die von Silke Maier-Witt geäusserte Reue sorgte in deutschen Medien für hohe Beachtung. Zwar gilt Maier-Witt, die später in der DDR untergetaucht und Anfang der 1990er-Jahre zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden war, als wenig einflussreich in der hierarchisch gegliederten RAF. So war Maier-Witt an der Entführung im September 1977 und der Ermordung Schleyers im Oktober desselben Jahres nicht direkt beteiligt, doch erforschte sie für die RAF-Terroristen Schleyers Weg in dessen Dienstwagen zu seiner Wohnung in Köln.

Mehrere RAF-Morde ­ nicht vollständig geklärt

Schleyer wurde von den Terroristen auf seiner Dienstfahrt gestoppt. Bei der Entführung wurden drei Personenschützer sowie Schleyers Fahrer erschossen. Die Terroristen hielten Schleyer 44 Tage lang in ihrer Gewalt. Mitte Oktober 1977 gab Maier-Witt eine vermutlich von Brigitte Mohnhaupt vorbereitete Erklärung von der Entführung der «Landshut»-Maschine durch ein PLO-Kommando ab, am 18. Oktober vermeldete sie eine ebenfalls vorbereitete Erklärung über den Tod Schleyers gegenüber der Presseagentur. «Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet», hiess es unter anderem darin.

Maier-Witt zeigt heute Reue: «Ich bin wissend, dass diese Gruppe Menschen tötet, in diese Gruppe eingetreten.» Sie bedauere, dass sie nicht früher die Kraft aufgebracht habe, sich bei Schleyers Nachkommen für ihre Beihilfe an dessen Ermordung zu entschuldigen. Jörg Schleyer sagte: «Persönlich nehme ich die Entschuldigung an. Aber als Katholik ist Verzeihen und Vergeben einer anderen Institution vorbehalten.»

Wer Hanns Martin Schleyer erschossen hatte, konnte Maier-Witt nicht beantworten. Auch nicht, wie es ihm in Gefangenschaft erging. Dennoch zeigte sich dessen Sohn Jörg Schleyer erleichtert, von einer zumindest indirekt an der Ermordung seines Vaters involvierten Person mehr Details über die Gruppe, die Vorbereitung der Entführung und die möglichen Haupttäter zu erfahren.

Noch immer gelten mehrere Morde der RAF als nicht vollständig geklärt. Maier-Witt ruft ihre ehemaligen Gesinnungsgenossen dazu auf, endlich ihr Schweigen zu brechen. «Es gibt immer noch offene Fragen. Es gehört auch zur Aufarbeitung von Geschichte zu sagen: Jetzt ist aber auch mal gut, jetzt kann ich auch mein Wissen noch mal dazutun», sagte die Rentnerin im Gespräch mit Schleyer. «Es ist ein Stück Geschichte, das Kontroversen hervorruft. Von daher wäre es wichtig, dass nicht nur ich dar­über etwas sage.»

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