Folgt auf den Bürgerkrieg der Terror?

MOSAMBIK ⋅ 25 Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges droht dem südostafrikanischen Staat eine neue Welle der Gewalt – in neuem Gewand: Statt ethnischer Auseinandersetzungen spalten aktuell religiöse Konflikte das Land.
11. November 2017, 08:59

Niedergebrannte Dörfer, ausgebombte Polizeistationen – und ein Kampf gegen gesichtslose Guerilla-Krieger. 16 Jahre tobte in Mosambik der Bürgerkrieg. Fast eine Million Menschen waren bei den Kämpfen zwischen den Kriegsparteien Frelimo und Renamo gestorben. Doch weder die Erzfeinde noch die Mosambikaner konnten damit rechnen, dass eines Tages ein neuer Feind die Nation in Angst versetzen würde: Islamisten.

Während der Bürgerkriegsjahre (1977–1992) war Mosambik gänzlich von religiösem Terrorismus verschont geblieben. Generell gilt die Region im Süden Afrikas als gemässigt, was Glaubensfragen betrifft. Das änderte sich letzten Monat, als eine Gruppe von 30 Bewaffneten etliche Polizeistationen und Dörfer im Norden des Landes angriff. Bei dem Überfall mit Kalaschnikows auf das Dorf Mocímboa da Praia sollen 16 Menschen ums Leben gekommen sein. Kurz darauf lieferten sich die Extremisten ein Feuergefecht mit Regierungstruppen im Fischerdorf Maluku. Seitdem gleicht der Ort einer Geisterstadt.

Die Übergriffe fanden in Cabo Delgado statt, einer mehrheitlich muslimischen Provinz an der Grenze zu Tansania. Dort formierte sich 2014 eine radikale Gruppierung, erklärt Dr. Eric Morier-Genoud, Religionsforscher und Mosambik-Experte an der Queen’s University Belfast. «Zunächst pflegte die Sekte radikale soziale und religiöse Ansichten, aber zeigte keinerlei Absicht zur Gewalt.» Was die Gruppe nun so überraschend zur Gewalt greifen liess, sei bisher völlig unbekannt, meint Morier-Genoud.

1992 endete der Bürgerkrieg in Mosambik durch den «Friedensvertrag von Rom». In der italienischen Hauptstadt hatte die katholische Gemeinschaft Sant’Egidio zwischen Frelimo und Renamo vermittelt. Von Beginn weg dabei war der deutsche Anwalt André Thomashausen, der grosse Teile des Friedenspakts verfasste. Heute vermutet er, die jüngsten Anschläge könnten eine Reaktion auf Frelimos Unterdrückung des Islams sein. Die Regierungspartei habe sich geradezu mit «Besessenheit» in die Belange der muslimischen Mosambikaner eingemischt, so Thomashausen, und Freiheiten erst mit Anbruch des Mehrparteiensystems gewährt. Dies habe zu Sektenbildung geführt.

In die Schlagzeilen schafften es die Fundamentalisten nicht nur wegen der Attentate, sondern vor allem aufgrund ihres Namens. Der sorgt in weiten Teilen Afrikas für Angst und Schrecken: al-Schabaab. Das gleichnamige Terroristennetzwerk ist etwa für den jüngsten Anschlag mit über 300 Toten in Somalias Hauptstadt Mogadischu verantwortlich. Morier-Genoud ist aber überzeugt: Auch wenn Mosambiks Terroristen die al-Schabaab als Vorbild ansehen, bestünde «keine Verbindung» zwischen den selbsternannten Gotteskriegern.

Norden des Landes gleicht einem «Pulverfass»

Rund 18 Prozent der Mosambikaner sind Muslime. Hoffnung bereite Morier-Genoud, dass sie die neue Terrorgruppe überwiegend ablehnten: «Wir sollten keine allgemeine Radikalisierung fürchten. Die meisten Muslime in Mosambik sind Sufis und stehen nicht in der Gefahr, von islamistischen Ideen, geschweige denn von Gewalt, verführt zu werden.» Trotzdem warnt der Historiker vor einer «sozialen Verwurzelung» der Sekte. Gesellschaftliche, religiöse und politische Spannungen hätten das Leben in Cabo Delgado zuletzt schwierig gemacht. Der Norden Mosambiks gleiche einem «Pulverfass».

Schuld daran sind unter anderem multinationale Konzerne, die es in der früheren portugiesischen Kolonie auf die reichen Öl- und Gasvorräte abgesehen haben. Zwar bereichern sie Mosambiks Staatskasse – aber meist ohne Gewinn für die lokale Bevölkerung. Laut Morier-Genoud müsse die Regierung in Maputo ihre Antwort auf die «islamistische Gefahr» deshalb sorgfältig abwägen: Die Anschläge als «Banditentum» abzutun, während religiöse und soziale Missstände zu Grunde liegen, wäre fatal. Zugleich aber könnte eine übertriebene militärische Antwort eine weitere Radikalisierung provozieren.

 

Markus Schönherr, Kapstadt


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