Eine Frau an der Spitze sorgt für Unmut

SERBIEN ⋅ Ana Brnabic soll als erste Frau Regierungschefin werden. Dass sie zudem noch homosexuell ist, sorgt im konservativen Land für Wirbel.
17. Juni 2017, 04:39

Serbiens neuer Präsident Aleksandar Vucic liebt es, seine Macht mit überraschenden Entscheidungen zu demonstrieren. Erstmals in der Geschichte des Landes nominierte er eine Frau an die Spitze der Regierung: Ana Brnabic, bisher Verwaltungsministerin, soll nächste Woche im Parlament bestätigt werden, obwohl sich Widerstand innerhalb der Regierungskoalition regt.

Eine Frau auf dem Premiers­posten ist in diesem Macho-Land eine Zumutung, erst recht, wenn sie sich öffentlich zu ihrer Homosexualität bekennt. Nach einer Umfrage glaubt die Hälfte der Serben, Homosexuelle seien krank und müssten einer Heilkur unterzogen werden. Demonstrationen von Homosexuellen lösen regelmässig Gewaltorgien aus, denen die Polizei lange zusieht, ehe sie eingreift. Auch der konservative orthodoxe Klerus zeigt sich entsetzt, Belgrader Medien berichten, die Kirchenführung habe von Vucic nachdrücklich verlangt, einen Mann, am besten einen gestandenen Familienvater, zum Premier zu ernennen.

«Sie ist nicht mein Premierminister»

Das sieht auch Vucics nationalistische Fortschrittspartei (SNS) so. «Haben wir wirklich keinen anderen Kandidaten für diesen bedeutenden Posten?», fragt sich ein SNS-Abgeordneter, zumal Brnabic parteilos ist. Der Chef einer mitregierenden Kleinpartei murrte: «Sie ist nicht mein Premierminister.» Bereits im Vorjahr hagelte es gehässige Reaktionen innerhalb der von der SNS angeführten Koalition, als Vucic die 41-jährige frühere Managerin mit den kantigen Gesichtszügen zur Verwaltungsministerin ernannt hatte. Mit der Ernennung Brnabics zur Ministerpräsidentin will Vucic der EU signalisieren, dass Serbien ein modernes, aufgeschlossenes Land sei, das unbeirrt seinen Weg nach Europa fortsetze.

Dass Brnabic, 1976 in Belgrad geboren, kompetent ist, können selbst ihre Gegner nicht leugnen. «Sie ist eine starke Persönlichkeit mit professionellen Fähigkeiten und eine harte Arbeiterin», lobt Vucic seine Favoritin. Allerdings machte sie nach ihrer Ernennung zur Verwaltungsministerin vor knapp einem Jahr kaum noch Schlagzeilen. Als Premierministerin wird sie freilich schärfer im Fokus der Medien stehen.

Personalpolitik als Machtfaktor

Brnabic studierte in den USA und Grossbritannien Betriebswirtschaft und Marketing, arbeitete bei internationalen Firmen in leitenden Positionen. Sie spricht fliessend Englisch und Russisch. Auf die Anfeindungen reagiert sie gelassen: «Ich habe Vucic gesagt, dass ich meine sexuelle Orientierung weder extra betonen noch verheimlichen möchte.»

Personalpolitik ist für Vucic ein Machtfaktor, er sucht gezielt nach loyalen Gefolgsleuten. Dazu zählt auch Brnabic, der Beobachter keinerlei machtpolitische Ambitionen nachsagen. «Ich möchte dem Präsidenten gerne danken für sein enormes Vertrauen in mich», sagte sie gestern. Vucic sorgte sogleich dafür, die Kompetenzen des Regierungschefs künftig zu beschneiden: Brnabic wird vorwiegend für die Wirtschaftspolitik und die Details der EU-Beitrittsverhandlungen zuständig sein, während Vucic den politischen Kurs des Landes steuert. Mit der repräsentativen Wächterrolle, welche die Verfassung dem Präsidenten zuschreibt, begnügt er sich nicht.

 

Rudolf Gruber, Wien

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