Gewaltigste nichtatomare Explosion

TERROR ⋅ 241 US-Soldaten wurden bei einem Selbstmordanschlag 1983 in Beirut getötet. Die Drahtzieher konnten bis heute nicht gefasst werden. Doch nun haben die USA offenbar eine neue Spur: Am Dienstag setzten sie ein Kopfgeld gegen zwei Hisbollah-Führer aus.
12. Oktober 2017, 07:46

Michael Wrase

Es war die gewaltigste nichtatomare Explosion seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die Beirut am Morgen des 23.Oktober 1983 erschütterte. Ein mit mehr als 6000 Kilogramm Sprengstoff beladener Lieferwagen war von einem Selbstmordattentäter in die Eingangshalle des amerikanischen Marines-Hauptquartier gesteuert worden. Bei dem Terroranschlag kamen 241 amerikanische Soldaten, die als Teil einer internationalen Friedenstruppe in den Libanon entsandt worden waren, ums Leben.

Drei Tage später versprach der amerikanische Vizepräsident George H. W. Bush vor den Trümmern des Gebäudes, dass sich die USA von Terroristen «niemals einschüchtern lassen» würden – ehe weitere vier Monate später der Abzug der Marines aus der Zedernrepublik angeordnet wurde.

Die Terroristen hatten gesiegt. Sie wurden bis heute nicht gefasst, sind den USA aber offenbar namentlich bekannt: Nach Erkenntnissen des US-Justizministeriums soll es sich bei dem Drahtzieher des Attentates in Beirut um den Hisbollah-Kommandanten Fuad Shukr handeln. Für Informationen, die zur Verhaftung des Libanesen führen, wurde am Dienstag ein Kopfgeld von 5 Millionen US-Dollar ausgesetzt. 7 Millionen Dollar hat die US-Justiz für die Ergreifung des Hisbollah-Funktionärs Talal Hamiyah bereitgestellt. Der Schiit sei federführend für die Vorbereitung und Ausführung von Terroranschlägen ausserhalb des Libanons verantwortlich sowie an der Entführung von US-Bürgern beteiligt gewesen, sagte Nathan Sales, Koordinator für die Terrorismusbekämpfung im amerikanischen Aussenministerium.

Sein Land werde so lange gegen die Infrastruktur und das finanzielle Unterstützungsnetzwerk der Organisation vorgehen, bis Hisbollah aufhöre, mit Terrorismus seine Ziele zu erreichen, versprach Sales. Nicht nur aus dem Blickwinkel der Amerikaner, Israelis und Saudis ist die Hisbollah der verlängerte Arm des Iran im Vorderen Orient. Ohne die Hilfe der kampferprobten ­Schiiten­organisation, die Tausende von Kämpfern nach Syrien schickte, wäre das Assad-Regime heute vermutlich nicht mehr an der Macht. Für ihre Anstrengungen, den Diktator zu stürzen, ­haben die Golfstaaten und Saudi-Arabien in den letzten Jahren Unsummen ausgegeben. Entsprechend gross ist der Hass, die Wut auf die Hisbollah, die im sunnitischen Nahen Osten als eine Art «Spielverderber» betrachtet wird.

Israel versuchte, die Hisbollah zu vernichten

Auch Israel beisst sich seit Jahrzehnten an der Hisbollah die Zähne aus. Im Sommer 2006 hatte die Armee des jüdischen Staates versucht, die Guerillaorganisation im sogenannten 33-Tage-Krieg zu vernichten. Der brutal geführte Konflikt, in dem Haifa mit Raketen bombardiert und ganze Strassenzüge in Beirut dem Erdboden gleichgemacht wurden, endete mit einem Waffenstillstand – was nicht nur in Israel als Niederlage empfunden wurde. Seither bereiten sich beide Seiten auf einen neuen Waffengang vor, fürchten aber die Folgen einer weiteren militärischen Auseinandersetzung.

Im Libanon selbst ist die Hisbollah umstritten. Die sunnitische Opposition betrachtet die Schiiten-Partei als «Staat im Staate», welche die Souveränität des Landes gezielt untergrabe.

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