Helmut Kohl: Ein Leben für Deutschland und Europa

DER EINHEITSKANZLER ⋅ Helmut Kohl ist tot. Der langjährige CDU-Vorsitzende hatte Ende der 1980er-Jahre die Zeichen der Zeit erkannt und die Chance für die deutsche Wiedervereinigung genutzt. Sein Verhältnis zur Schweiz war gespalten.
Aktualisiert: 
16.06.2017, 22:00
16. Juni 2017, 17:28

Christoph Reichmuth, Berlin

Helmut Kohl geht wegen seiner Verdienste in der Aussenpolitik in die Geschichte ein. Sein politisches Geschick ebnete den Weg zur deutschen Einheit. Kohl brachte das Kunststück fertig, 45 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Siegermächte USA, Frankreich, Grossbritannien und die damalige Sowjetunion von einem wiedervereinten Deutschland, das gar Nato-Mitglied werden sollte, zu überzeugen. Sein damaliges Agieren und das Erkennen der Chance für eine friedliche Wiedervereinigung zeigen Kohls politische Grösse. 

«Ich habe nichts Besseres, als auf die deutsche Einheit stolz zu sein», sagte Kohl in der Nacht zum 3. Oktober 1990, als die Einheit Wirklichkeit wurde. Dabei hatte der «glühende Europäer» laut Kohl-Biograf Heribert Schwan selber bis weit in die 1980er-Jahre gar nicht an die zeitnahe Wiedervereinigung geglaubt. Für Schwan steht ausser Frage: Helmut Kohl war – zusammen mit Konrad Adenauer – der wichtigste Bundeskanzler der bisherigen Geschichte Deutschlands.

«Strickjacken-Diplomatie» mit Gorbatschow

Was Kohl vor allem politischen Erfolg bescherte, war sein direktes, unverblümtes, aber zugleich sehr menschliches und warmes Auftreten. Als eine seiner ersten wichtigen aussenpolitischen Amtshandlungen hat er zu einer Aussöhnung im angespannten deutsch-französischen Verhältnis beigetragen. Unvergessen das Bild, als die beiden so unterschiedlichen Staatsmänner Mitterrand und Kohl sich vor den Gräbern von Verdun als Geste der Versöhnung an der Hand hielten. «Nach diesem Besuch setzte der intellektuell-distanzierte Mitterrand auf Kohl und Deutschland», sagt der Kölner Biograf. Seine unkomplizierte, stets authentisch wirkende Art habe Kohl später auch die Türen geöffnet zu Ronald Reagan und – vor allem – zu George Bush senior. Selbst Margaret Thatcher, eine Gegnerin der Wiedervereinigung, konnte sich der Aura Kohls nicht entziehen. Zum damals neuen starken Mann im Kreml, Michail Gorbatschow, entwickelte sich eine auf Respekt und Sympathien basierende Kollegialität. Ihre Gespräche in ungezwungener Atmosphäre gingen später als «Strickjacken-Diplomatie» in die Geschichte ein. 

Kohl profitierte von damals sich ändernden Vorzeichen in der Sowjetunion und in Europa. Dennoch spürte er, dass ihm ein enges Zeitfenster bleiben würde, um den Traum von der Einheit möglich zu machen. Er konnte den Westen und die Sowjetführung davon überzeugen, dass von einem zusammengewachsenen Deutschland keine Gefahr mehr ausgehen würde. Möglicherweise wäre eine Wiedervereinigung – trotz Perestroika und Glasnost, trotz des finanziellen Kollapses der Sowjetunion – unter einem anderen Kanzler nicht so schnell gekommen. «Ich bin nicht sicher, ob die schroffe, bisweilen arrogant wirkende Art eines Helmut Schmidt damals bei den Weltpolitikern gut angekommen wäre. Es brauchte in dieser Phase der Geschichte genau einen Mann wie Helmut Kohl, der nicht intellektuell abgehoben daherkam, sondern auf die Karte Mensch setzte», resümiert Schwan.

Kohl, der im Zweiten Weltkrieg seinen Bruder verloren hatte, war ein glühender Anhänger der europäischen Integration, er trieb später auch die Einheitswährung voran. Ein starkes Europa sollte die Phase blutiger Konflikte in Europa nach Kohls Meinung endgültig beenden. In der Schweiz stiess Kohl mit seinem Projekt des vereinigten Europa mit einer Einheitswährung auf Widerstände. 1989 weilte der Kanzler zu einem offiziellen Arbeitsbesuch in der Eidgenossenschaft. Bei den Gesprächen ging es damals auch um die Verhandlungen der Schweiz mit der EG. Adolf Ogi erinnert an einen Mann, «der unser Land mit den verschiedenen Kulturen und den vier Landessprachen als Beispiel dafür gesehen hat, wie Europa funktionieren könnte». 

Unversöhnlich bis zum Schluss

Bei aller Sympathie für den südlichen Nachbarn: Kohl war die Schweiz stets suspekt, weiss Heribert Schwan. Gestört habe sich der promovierte Historiker an der schlecht aufgearbeiteten Geschichte zur Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. «Er hatte für den damals im Inland wohl recht weit verbreiteten verklärten Blick auf eine Schweiz, die sich den Nazis heroisch entgegengestellt habe, kein Verständnis.» Vor allem aber war Kohl felsenfest davon überzeugt, dass zu einem starken Europa eine Gemeinschaftswährung gehöre. Doch die Schweiz zeigte sich am Projekt Euro nicht interessiert. 

«So oder so war Kohl kein Mann, der seine Meinung schnell änderte», sagt Schwan. Das gelte insbesondere für den Umgang mit früheren Weggefährten. Wer ihn einmal verletzte, wer sich ihm entgegengestellt habe oder ihm gegenüber illoyal verhielt, den habe Kohl von seiner Freundesliste gestrichen. Zu Brüchen mit ehemaligen Parteifreunden kam es vor allem nach der Parteispendenaffäre Anfang der 2000er-Jahre. Neben anderen stellte sich damals auch die heutige Kanzlerin Angela Merkel, einst von Kohl politisch aufgebaut, gegen ihn. Das hat der Altkanzler ihr nie wirklich verziehen. Kohl sei mit sich und seiner Kanzlerschaft im Reinen. «Aber die Enttäuschung, dass er von seiner Partei im Stich gelassen worden ist, hat er nie überwunden. Es gab keine Versöhnung», schreibt Schwan.

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Der ehemalige deutsche Bundeskanzler ist am Freitag im Alter von 87 Jahren gestorben. Er gilt als Vater der deutschen Wiedervereinigung 1990.

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