Hilfswerk wird Vertuschung vorgeworfen

GROSSBRITANNIEN ⋅ Nach Vorwürfen gegen Oxfam-Mitarbeiter, Sexpartys in Haiti und im Tschad veranstaltet zu haben, bemüht sich die Organisation um Schadensbegrenzung.
13. Februar 2018, 04:40

Im Gespräch mit der britischen Entwicklungsministerin Penelope Mordaunt haben die Manager von Oxfam gestern die Reputation ihrer Organisation verteidigt. Mordaunt hatte die Spitze des Hilfswerks einbestellt, nachdem Oxfam-Angestellte beschuldigt worden waren, in Krisengebieten Prostituierte missbraucht zu haben. Die Organisation müsse «moralische Führungsstärke» zeigen, forderte Mordaunt.

Sie wurde offenbar ernst genommen: Gestern Abend erklärte die Vizechefin der Hilfsorganisation, Penny Lawrence, ihren Rücktritt. Sie übernehme die «volle Verantwortung» für das Verhalten der Oxfam-Mitarbeiter, auf das nicht angemessen ­reagiert worden sei. Sie schäme sich, sagte Lawrence. Die britische Regierung vertraut Oxfam seit Jahrzehnten Millionen von Steu­ergeldern an. Dem jüngsten Jahresbericht zufolge kam das Gesamtbudget von 530 Millionen Franken zu 45 Prozent von staatlichen Organisationen, der Rest von privaten Geldgebern und Unternehmen.

Die Vorwürfe beziehen sich vor allem auf Geschehnisse nach dem Erdbeben in Haiti 2010. Dem Vernehmen nach galt die örtliche Oxfam-Niederlassung unter Leitung des Belgiers Roland van Hauwermeiren schon bald als Partytreffpunkt, wo sich Entwicklungshelfer aus aller Welt mit einheimischen Frauen trafen. Als 2011 entsprechende Hinweise bei Oxfam eingingen, ordnete die NGO eine interne Untersuchung an. Vier Mitarbeiter wurden entlassen, drei weitere, darunter auch Hauwermeiren, reichten ihre Kündigung ein. In der Öffentlichkeit ebenso wie gegenüber der Aufsichtsbehörde und dem Ministerium war allgemein von «Fehlverhalten» die Rede; dass es dabei um Sex mit Prostituierten ging, wurde verschwiegen.

Politische Rechte schlachtet Oxfam-Skandal aus

Der Vorwurf, unter den jungen Frauen seien auch Minderjährige gewesen, habe sich nicht erhärten lassen, heisst es bei Oxfam. Bei den haitischen Behörden habe man die Vorgänge nicht zur Sprache gebracht, weil dies die betroffenen Frauen in Schwierigkeiten hätte bringen können.

Britische Medien weisen nun auf die Folgen der Vertuschung hin. So konnten die Betroffenen ungehindert bei anderen Organisationen anheuern; Oxfam sah sich aus rechtlichen Gründen ausser Stande, anderen Firmen Hinweise zu geben. Ans Licht kamen ausserdem Vorwürfe gegen Oxfam-Mitarbeiter im Tschad.

Der Oxfam-Skandal verstärkt das Bild von hochbürokratischen Organisationen, mit dem Politiker wie Jacob Rees-Mogg oder der frühere Ukip-Chef Nigel Farage gegen die Entwicklungshilfe zu Felde ziehen. Das gewaltige Budget des zuständigen Ministeriums (DfID) weckt bei Aussen- und Verteidigungspolitikern seit langem Begehrlichkeiten. Aussenminister Boris Johnson unternahm im Herbst einen vergeblichen Versuch, das DfID wieder seinem eigenen Haus einzuverleiben, in dessen Zuständigkeit die Entwicklungshilfe bis 1997 war.

 

Sebastian Borger, London

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