Hochhaus wies viele Mängel auf

LONDON ⋅ Nach dem Brand in einem Hochhaus vermuten die Rettungskräfte im Innern weitere Todesopfer. Derweil klagen Mieter über fehlende Sprinkleranlagen und schlechte Fluchtrouten.
16. Juni 2017, 05:00

Jochen Wittmann, London

Noch am Donnerstag loderten Flammen im Grenfell Tower. Der schlimmste Hochhausbrand in der britischen Geschichte, der in den frühen Morgenstunden am Mittwoch begann, hat bisher 17 Menschenleben gefordert. Aber die Opferzahl, fürchten Feuerwehr und Polizei, wird steigen und könnte womöglich im dreistelligen Bereich liegen. Der 24 Stockwerke hohe Wohnturm wurde zur Feuerfalle. Besonders die Mieter in den höchsten Stockwerken hatten keine Chance. Von denen, welchen die Flucht gelang, verblieben gestern 37 Menschen in ärztlicher Behandlung, davon 17 in einem kritischen Zustand.

Jetzt geht es für die Feuerwehr nicht mehr um eine Rettungs-, sondern nur noch um eine Bergungsaktion. Die russ­geschwärzte Hochhausruine ist statisch noch intakt, eine Einsturzgefahr besteht nicht. Aber einzelne Wohnungen sind kollabiert. Die Rettungskräfte senden speziell ausgebildete Hunde in das Gebäude, um die sterblichen Überreste von Opfern zu finden. Die Bergung und die Suche nach Ursachen für das Inferno könnten, so Dany Cotton, die Chefin der London Fire Brigade (LFB), «noch Wochen dauern».

Fassade brannte innert 10 Minuten

Noch ist unklar, wer aus dem Grenfell Tower flüchten konnte. Bis zu 600 Menschen lebten dort, die Feuerwehr spricht davon, dass man 65 Mieter aus dem Gebäude habe retten können. Am Tag nach der Katastrophe gibt es herz­zerreissende Geschichten von Überlebenden. Eine Frau, die im 21. Stock wohnte, konnte noch rechtzeitig mit ihren sechs Kindern zum zentralen Treppenhaus laufen. Doch als sie unten ankam, vermisste sie zwei ihrer Kinder, die wahrscheinlich vom Rauch übermannt wurden.

Die Schnelligkeit, mit der sich die Flammen ausbreiteten, ist der Hauptgrund für die katastrophale Entwicklung des Brandes. «Innerhalb von zehn Minuten», sagte Augenzeugin Tanya Thomp­son, «ist das Feuer an der Seite des Gebäudes ganz nach oben geklettert.» Der Grund für die vertikale Ausbreitung ist eine Fassadenverkleidung, die im letzten Jahr installiert wurde, um den Betonbau aufzuhübschen. Dabei wurden Paneele verwendet, die nur bedingt feuerfest sind. So konnte das Feuer von aussen von einer Wohnung auf die nächste überspringen. «In meiner 29-jährigen Karriere als Feuerwehrfrau», sagte LFB-Chefin Cotton, «habe ich noch nie ein solches Feuer erlebt. Und ich habe viele Hochhausbrände gesehen.»

Nach ersten Erkenntnissen gab es viele Mängel. Mieter berichten, dass sie keinen Feueralarm gehört haben. Ein Sprinklersystem im Tower existierte nicht. Es gab nur eine Fluchtroute, das zentrale Treppenhaus, das allzu schnell durch Rauch unpassierbar wurde. Viele dieser Mängel sind schon vor Jahren von der Mietervereinigung gegenüber dem Vermieter gemeldet worden, aber nichts geschah: Man redete sich darauf hinaus, dass sämtliche Bau- und Feuerschutzvorschriften beachtet worden seien. Doch vielleicht waren diese unzureichend.

Nach einem Hochhausbrand im Jahre 2009 hatte es 2013 einen Bericht gegeben, der eine Reihe von Empfehlungen zum Brandschutz machte. Seit 2013 hat die Regierung noch nicht ­einmal auf den Bericht geantwortet, geschweige denn die Empfehlungen umgesetzt. Labours Schattenminister für Wohnungsbau, John Healey, verlangte gestern die sofortige Einführung der Massnahmen.

  • Rauch steigt noch immer aus dem Grenfell Tower auf. (© WILL OLIVER)
  • Die Feuerwehr kämpfte stundenlang gegen die Flammen an. (© ANDY RAIN)
  • Die Rauchschwade war von weitem zu sehen. (© WILL OLIVER)

Im Zentrum von London ist am Mittwochmorgen ein 27-stöckiges Hochhaus in Brand geraten. Die Feuerwehr stand mit einem Grossaufgebot im Einsatz.

Anzeige: