Russlands Aussenminister bezeichnet Situation in Syrien als «höchst gefährlich»

SYRIEN ⋅ Nach dem mutmasslichen Giftgasangriff auf die Rebellen-Stadt Duma haben Kampfjets eine syrische Luftwaffenbasis bombardiert. Russland und das Assad-Regime bezichtigen Israel des Angriffs.
10. April 2018, 05:00

Martin Gehlen, Kairo

In Syrien wächst die Gefahr, dass Russland und die Vereinigten Staaten direkt aneinandergeraten. Moskaus Aussenminister Sergej Lawrow sprach am Montag von einer «höchst gefährlichen Entwicklung». Ausgelöst wurde die jüngste Eskalation am Samstagabend durch einen schweren Giftgasangriff auf die Stadt Duma, der mindestens 42 Menschen das Leben kostete.

US-Präsident Donald Trump und Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron machten den syrischen Diktator Baschar al-Assad für das Massaker verantwortlich und drohten ihm heftige Vergeltung an. In der Nacht auf Montag tauchten dann F-15-Kampfjets am Himmel des Libanon auf und feuerten Raketen auf die syrische Luftwaffenbasis Tiyas (T-4), die auf halbem Wege zwischen Homs und Palmyra liegt. Washington und Paris dementierten umgehend, an diesem Militärschlag beteiligt gewesen zu sein, bei dem nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte 14 Soldaten starben, unter ihnen auch iranische Militärs. Und so bezichtigten am Montag das Assad-Regime und Russland gemeinsam die israelische Luftwaffe, den Angriff geflogen zu haben. Insgesamt seien acht Raketen abgefeuert worden, von denen drei ihr Ziel erreicht hätten, erklärte das Verteidigungsministerium in Moskau. Fünf Geschosse seien von der syrischen Luftabwehr abgefangen worden.

Trump bezeichnet Assad als «Tier»

Dagegen blieb weiterhin unklar, welche Art von Vergeltung Trump und Macron planen, die beide am Sonntagabend noch einmal demonstrativ miteinander telefonierten. Assad werde einen «hohen Preis» bezahlen, hatte Trump am Wochenende getwittert und den syrischen Macht­haber als «Tier» beschimpft. Macron liess erklären, Frankreich werde seine Pflicht tun und seiner Verantwortung gerecht werden. Auch Grossbritanniens Aussenminister Boris Johnson forderte «eine entschiedene und robuste internationale Antwort». Der UNO-Weltsicherheitsrat plante, sich am Montagabend mit dem Massaker befassen.

Israel hatte die syrische Luftwaffenbasis T-4 bereits einmal im Februar bombardiert, weil von dort angeblich eine iranische Drohne über israelisches Territorium gesteuert worden war. Einer der eingesetzten F-16-Jets wurde auf dem Rückweg von einer Boden-Luft-Rakete getroffen und stürzte anschliessend auf israelischem Gebiet ab. Auch Donald Trump liess das syrische Regime zuvor schon einmal attackieren. Am 7. April 2017 trafen 59 Cruise Missiles den Shayrat-Flieger­horst, von dem aus offenbar der Giftgasangriff auf die nordsyrische Stadt Khan Sheikhoun geflogen worden war. Damals vor einem Jahr starben 80 Menschen. Jetzt in der Stadt Duma in Ost-Ghuta gab es mindestens 42 Tote. Die meisten Opfer kamen in Schutzräumen ums Leben, in deren Nähe ein Kampfhubschrauber eine Fassbombe mit einer unbekannten chemischen Substanz abwarf. Fotos zeigten apokalyptische Szenen, erstickte Frauen, Männer und Kinder, denen weisser Schaum aus Mund und Nase quoll.

Wichtiger militärischer Erfolg für das Regime

Dieser jüngste Giftgaseinsatz sollte offenbar den Willen der verbliebenen Rebellen in Duma brechen, nachdem ein Tag zuvor, am Freitag, die Verhandlungen über eine Waffenruhe gescheitert waren. Am Sonntag stimmte die Rebellengruppe Dschaisch al-Islam ihrer Evakuierung dann doch noch zu. In den nächsten Tagen werden 8000 Kämpfer plus 40 000 Angehörige mit Bussen in die Nordprovinz Idlib transportiert, der einzigen noch verbliebenen Hochburg der Aufständischen. Danach wäre die gesamte Region Ost-Ghuta, die seit 2012 von Rebellen kontrolliert wurde, wieder in der Hand des Regimes. Die Rückeroberung dieser grossen Enklave östlich von Damaskus ist ein ähnlich wichtiger militärischer Erfolg für Assad wie ein Jahr zuvor der Sieg über die Rebellen in Ost-Aleppo.


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