Eine Million Menschen demonstrieren für Kataloniens Unabhängigkeit

SPANIEN ⋅ In Barcelona demonstrierten am Montag Hunderttausende für die Abspaltung der Region Katalonien. Die Spannung erreicht damit vor der umstrittenen Unabhängigkeitsabstimmung Anfang Oktober ihren Höhepunkt.
Aktualisiert: 
11.09.2017, 22:00
11. September 2017, 18:55

Sasa Rasic

Während an anderen Nationalfeiertagen üblicherweise politische oder militärische Siege gefeiert werden, gedenken die Katalanen am 11. September jeweils dem Verlust ihrer Unabhängigkeit. Die «Diada Nacional» erinnert an die Kapitulation des Hauptortes Barcelona und den katalanischen Truppen während des Spanischen Erbfolgekrieges am 11. September 1714, als Katalonien zu einer Provinz wurde.

Symbolisch um 17.14 Uhr bildeten Montag die Demonstranten ein riesiges Wahlkreuz – ein unmissverständlicher Aufruf, bei der auf den 1. Oktober angesetzten Abstimmung über die Abspaltung der Region vom spanischen Staat an die Urne zu gehen. Hunderttausende Separatisten – gemäss der Stadtpolizei waren es gegen eine Million, gemäss einer Delegation der spanischen Regierung 350 000 – plädierten für die Abspaltung von Spanien. Die Strassen mutierten zu einem einzigen Fahnenmeer. «Unabhängigkeit, Unabhängigkeit!» und «Wir werden abstimmen!», skandierten die Demonstranten immer wieder.

Das spanische Verfassungsgericht hat Volksvoten zur Unabhängigkeit der Region jedoch bereits mehrmals für illegal taxiert – zuletzt in der vergangenen Woche. Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy lehnt das Referendum strikt ab. Die Justiz droht der katalanischen Regionalregierung mit rechtlichen Schritten, sollte sie die Abstimmung wirklich durchführen.

Spanische Regierung droht mit Armee

Laut einer Umfrage, welche die spanische Zeitung «El País» in Auftrag gegeben hat, könnte Madrid einem Referendum mit mehr Gelassenheit entgegenblicken. Demnach halten 56 Prozent der 1000 befragten Katalanen eine Abstimmung in der Form, in der sie bislang geplant ist, für illegal. Neben Barcelona wollen mindestens sechs weitere Städte das gerichtliche Verbot respektieren. In diesen Städten wohnen rund ein Drittel der 7,5 Millionen Katalanen.

Umso erstaunlicher ist das Verhalten der spanischen Regierung. So übte sich Verteidigungsministerin María Dolores de ­Cospedal kürzlich im Säbelrasseln. Die Streitkräfte stünden bereit, um die demokratischen Werte Spaniens und die Einheit des Landes notfalls auf dem Boden, zur See und in der Luft zu schützen, erklärte sie.

Derartige Provokationen könnten dem katalanischen Ministerpräsidenten und Chefseparatisten Carles Puigdemont aber in die Hände spielen. Zumal die spanische Regierung den unzufriedenen Katalanen keine Alternativen für mehr Autonomie anbietet, sondern lediglich darauf pocht, die Abspaltung sei juristisch unmöglich. Diese Haltung gilt mit als Grund für das Erstarken der separatistischen Bewegung, die vor einigen Jahren noch deutlich weniger Zuspruch erhielt. Wenn nun die spanische Regierung wie angedroht auch noch Polizeieinheiten der Guardia civil einsetzen will, falls trotz Verbot Wahlurnen aufgestellt werden, kann das den Separatisten weiteren Auftrieb verleihen.

Viele offene Fragen

Das Bild spanischer Polizisten, die eine Abstimmung verhindern, könnten bei den Katalanen böse Erinnerungen wecken. Denn während der Herrschaft des Diktators Franco (1892–1975) war es eben diese Guardia civil, die Katalonien terrorisierte. Puigdemont lässt sich derweil nicht aus der Ruhe bringen und beharrt auf die Abstimmung: «Das Referendum wird so oder so stattfinden.»

Die Folgen einer Abtrennung Kataloniens von Spanien sind zum jetzigen Zeitpunkt kaum absehbar. Offen bleibt etwa die Frage nach einer eigenen Währung oder den Beziehungen zur Europäischen Union.


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