Emmanuel Macron im Kreuzfeuer

FRANKREICH ⋅ Nach einem Jahr im Amt gerät Präsident Emmanuel Macron in die politische Defensive. In einem ungewöhnlich hitzigen TV-Streitgespräch versuchte er sich freizukämpfen – und verlor dabei die Contenance.
17. April 2018, 07:55

Stefan Brändle, Paris

Die Eingangsfrage gibt den Ton vor: «Sind Sie bloss ein Zauberkünstler, der aus dem Nichts der Geschichte aufgetaucht ist?», will der bekannte Moderator Jean-Jacques Bourdin von Emmanuel Macron wissen. In Frankreich, einem Land, in dem Staatspräsidenten eigentlich einen quasimonarchischen Status geniessen und durch eine unsichtbare Aura gegen freche Journalistenfragen gefeit waren, kommt die Frage Bourdins einem Affront gleich.

Bourdin lässt auch das sonst obligate «Monsieur le Président» beiseite und nennt Macron nur beim bürgerlichen Namen. «Unterliegen Sie nicht einer knabenhaften Allmachtsfantasie?», brüskiert der Moderator den Staatspräsidenten.

«Ich bin als Präsident oberster Armeechef»

So ging es am Sonntagabend fast drei Stunden auf dem TV-Sender BFM. Macron hatte das Interview selber anberaumt, um seine zunehmend umstrittene Reformpolitik zu rechtfertigen. Am Donnerstag hatte er in einer kleinen Dorfschule ein TV-Interview gegeben, um Volksnähe zu demonstrieren. Doch die Sozialproteste im Land reissen nicht ab: Eisenbahner streiken wochenlang, Studenten blockieren Universitäten, an den Spitälern gärt es, und in Notre-Dame-des-Landes (Atlantikküste) leisten Öko-Ultras seit Tagen gewaltsam Widerstand gegen die Polizeiräumung einer wilden Siedlung. Knapp ein Jahr nach seiner Wahl ist der Präsident gleich an mehreren Fronten gefordert. Doch der 40-Jährige nimmt den Fehdehandschuh auf – so auch am Sonntagabend gegen forsche TV–Moderatoren. Nein, er könne kein Geld aus dem Ärmel zaubern, entgegnet er. Und nein: «Ich habe keine Allmachtsfantasie, aber ich glaube an Autorität.»

Der zweite Journalist, Edwy Plenel vom linken Enthüllungsportal Mediapart, doppelt nach: «Wo bleibt die völkerrechtliche Legitimität des von der UNO nicht genehmigten Militäreinsatzes in Syrien?» Oder: «Warum folgt Frankreich folgsam der Kriegsstrategie Trumps, dem es vor allem um eine Attacke gegen den Iran geht?» Macron kontert, der Luftschlag sei sowohl militärisch wie diplomatisch ein Erfolg: «In Moskau denkt man, die westlichen Regierungen seien schwach. Wir haben gezeigt, dass wir zu reagieren wissen.» Doch schon unterbricht Plenel den Staatschef: «Warum beschliessen Sie einen Militärschlag im Alleingang, ohne das Parlament zu befragen?» So sehe es nun einmal die Verfassung vor, erwidert Macron: «Ich bin als Präsident oberster Armeechef.» Da hat Plenel schon in die Innenpolitik gewechselt: «In Paris steht der 50. Jahrestag von ‹Mai ’68› vor der Tür – und Sie feiern das mit polizeilicher Repression?»

Nun lässt sich auch Macron gehen: «Die Eisenbahner haben andere Anliegen als die Krankenschwestern oder die Studenten. Wenn Sie das Gegenteil behaupten, sind Sie intellektuell unredlich.» Dann unterstellt er Plenel, der auf Mediapart die Mächtigen und die Minister blossstellt, selber bei den Steuern gemogelt zu haben. Der Angesprochene schiesst zurück: «Die Franzosen haben Sie 2017 nur gewählt, um die Extremistin Marine Le Pen zu verhindern.» Macron: «Ist das eine Frage oder ein Plädoyer?» Plenel: «Regen Sie sich nicht auf!» Macron: «Hören Sie auf, Dummheiten zu sagen. Sie sind nicht seriös, Herr Plenel.»

Macron, schlagfertig, angriffslustig, ist im Element. Im Mai 2017 hatte er im entscheidenden TV-Wahlduell auf diese Weise Le Pen zerzaust. Vielleicht deshalb hat er ausgerechnet die streitlustigen Bourdin und Plenel zum Interview aufgeboten. «Ich gehe dem Konflikt nicht aus dem Weg», sagt Macron von sich. Nach dem Auftritt von Sonntag waren die Franzosen aber geteilter Meinung. Am Montag lobten wenige die Redekunst und Beherrschtheit des Präsidenten. Auf dem Radiosender France-Inter hörte man: «Ein Präsident muss den Franzosen nicht nur mit Autorität kommen, sondern auch mit der menschlichen Wärme des gütig-beschützenden Landesvaters. Macron argumentiert eher wie ein brillanter Technokrat.» In der Zeitung «Le Figaro» meinte eine Leserin: «Der Präsident ist überzeugt, Recht zu haben, und wollte seine intellektuelle Überlegenheit unter Beweis stellen. Damit steigert er aber nur noch die Unzufriedenheit all jener, die seine Strategie nicht verstehen.»

Wenn es Macron darum ging, an der Dorfschule und auf der TV-Bühne «nahe bei den Leuten» zu sein, wie seine Brater erklärten, scheint die Operation kaum geglückt. Der heftige Schlagabtausch machte vor allem klar, wie gespannt die soziale Lage in Frankreich ist. «Ich mache mir Sorgen für die soziale Zukunft Frankreichs», schloss die «Figaro»-Leserin ihren Beitrag.


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