In Nahost droht eine neue Eskalation

SYRIEN-KRIEG ⋅ Nach dem ersten Abschuss eines israelischen F-16-Kampfjets über Syrien seit über 30 Jahren dürfte sich der Konflikt in der Region weiter verschärfen. Israel wirft den Kriegsparteien Syrien und Iran vor, mit dem Feuer zu spielen.
11. Februar 2018, 08:09

Michael Wrase

Es war gegen 3 Uhr am Morgen, als auf der zwischen Homs und Palmyra liegenden syrischen Luftwaffenbasis T4 eine iranische Drohne vom Typ Schahed 129 gestartet wurde. Eine gute Stunde später erreichte sie den israelischen Luftraum, wo sie südlich des Sees Genezareth von einem Kampfhubschrauber abgeschossen wurde. Auf die «schwerste Verletzung unserer Souveränität seit Jahren», so ein Militärsprecher in Jerusalem, reagierte Israel prompt: Mehrere Kampfflugzeuge stiegen auf, um die Einrichtungen der Iraner in der zentralsyrischen Wüste zu zerstören.

Die Vergeltungsattacken wurden offenbar erwartet. Denn im Gegensatz zu früheren Angriffen präsentierte sich die syrische Luftverteidigung dieses Mal gut vorbereitet. Zum ersten Mal seit den 80er-Jahren gelang es ihr, eine israelische F-16 abzuschiessen. Die beiden Piloten konnten ihre Maschine noch in den israelischen Luftraum steuern, wo sie sich über dem Hochland von Galiläa mit dem Schleudersitz retten konnten. Einer von ihnen wurde dabei schwer verletzt. Der erste Verlust eines israelischen Flugzeugs seit 2006, als ein mit fünf Soldaten besetzter Kampfhubschrauber im Südlibanon von einer Hisbollah-Rakete zerstört wurde, bedeute eine «schwerwiegende Eskalation» in dem bald sieben Jahre andauernden Stellvertreterkrieg in Syrien, kommentierte der Militärkorrespondent der BBC. Israelische Luftangriffe in Syrien würden zwar relativ häufig geflogen. Verluste, die am Nimbus der unüberwindbaren Luftwaffe kratzten, seien dabei aber nicht eingeplant.

Entsprechend reagierte Israel auf «das iranisch-syrische Spiel mit dem Feuer». In mindestens zwei grossen Angriffswellen seien zwölf Ziele in der Nähe von Damaskus sowie in Zentralsyrien bombardiert worden, meldete ein israelischer Militärsprecher. Man habe «vier iranische Stellungen und drei Luftabwehrsysteme getroffen». Die Angriffe wurden offenbar in Echtzeit von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu verfolgt. Trotz der vermutlich erheblichen Zerstörungen, welche die gestrigen Angriffe der israelischen Luftwaffe verursacht haben dürften, wurde der Abschuss einer F-16 von syrischen Kommentatoren teilweise euphorisch gefeiert. Im Staatsfernsehen war «von einem grossen Tag für das Vaterland» die Rede. Gleichzeitig wurden die israelischen Darstellungen der Ereignisse als «Lügen und Verleumdungen» zurückgewiesen und die «zionistischen Aggressionen» mit scharfen Worten verurteilt.

Israel behielt sich nach den gestrigen Vergeltungsangriffen weitere Reaktionen vor. Verantwortlich für die Eskalation sei der Iran, der mit dem Start seiner Drohne eine «ernsthafte Attacke auf israelischem Gebiet» durchgeführt habe, sagte ein Armeesprecher. Weitere Luftschläge auf iranische Einrichtungen in Syrien scheinen damit programmiert.

Russland erklärt «ernsthafte Besorgnis»

Die Regierung in Jerusalem geht offenbar davon aus, dass der Iran nicht nur seine Rüstungslieferungen an die libanesische Hisbollah-Miliz verstärkt, sondern auch mit dem Bau von Fabriken zur Waffenherstellung begonnen hat.

Russlands Regierung, engste Verbündete von Assad, zeigte sich unterdessen «ernsthaft besorgt» über die jüngsten Entwicklungen. «Wir rufen alle Parteien auf, Zurückhaltung zu üben und jegliche Aktionen zu vermeiden, die zu einer noch grösseren Komplizierung der Lage führen könnten», teilte das Moskauer Aussenministerium mit.

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