Neue Zürcher Zeitung, 5. Juni 2012, 00:00
Mohammed Mursi – ein Parteisoldat
Portrait
Mohammed Mursi spricht in Kairo zum Volk. (Fredrik Persson/AP)
Mohammed Mursi, der Kandidat der Muslimbrüder, hat mit knappem Vorsprung die erste Runde der ägyptischen Präsidentschaftswahlen gewonnen. Er erreichte für die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei einen Stimmenanteil von 25 Prozent.
Mohammed Mursi, der Kandidat der Muslimbrüder, hat mit knappem Vorsprung die erste Runde der ägyptischen Präsidentschaftswahlen gewonnen. Er erreichte für die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei einen Stimmenanteil von 25 Prozent. Zur Rolle als Kandidat war er gekommen, weil der starke Mann und Financier im Hintergrund, Khairat ash-Shater, als dessen Schützling Mursi gilt, nicht wählbar war. Das Image des Lückenbüssers konnte Mursi bis heute nicht abstreifen. In seinem Fall wurde nicht eine Person gewählt, sondern eine Organisation, die Bruderschaft. Er aber ist ein folgsamer Parteisoldat ohne eigenes Profil.
Gegner des alten Regimes
Der 61-jährige Muslimbruder stammt aus der Provinz Sharkiya. Er ist Ingenieur mit dem Doktortitel einer kalifornischen Universität. Seine Kinder sind in den USA geboren und haben amerikanische Pässe. Mursi wirkte während Jahren als Professor an der Universität Zagazig im Nildelta. Mit dem Gewinn eines Parlamentsmandats im Jahr 2000 begann sein Aufstieg ins Führungsgremium der Bruderschaft. 2007 war er Mitautor des ersten politischen Programms gewesen, nach Mubaraks Sturz übernahm er die Spitze der Partei. Im Parlament bestätigte er seine sozial-konservative Haltung, etwa mit Kritik an der Regierung, welche die Publikation von «Nackten auf Titelblättern und obszöne Musikvideos» erlaube.
Unter dem Mubarak-Regime musste Mursi mehrmals ins Gefängnis, zum letzten Mal drei Tage nach Ausbruch des Aufstands. 2004 gehörte er zu den Initianten von «Kifaya», einer breitgefächerten Bewegung, die demokratische Reformen forderte. Er kann also darauf verweisen, ein Gegner des alten Regimes gewesen zu sein, auch wenn die Muslimbrüder nicht zu den treibenden Kräften der Revolution gehörten.
Fehlendes Charisma
Mursi vertritt den konservativen Flügel der Muslimbrüder. Als zentrales Anliegen bezeichnet er die strikte Anwendung der Scharia, des islamischen Rechtes. Frauen und Christen spricht er die Berechtigung einer Kandidatur um die Präsidentschaft ab. In seiner offiziellen Biografie ist vermerkt, dass er zu den Gründern des ägyptischen «Komitees gegen das zionistische Projekt» gehört. Mursi, der kein Charisma hat und auch nicht populär ist, war in den letzten Monaten in heftige Auseinandersetzungen mit der jungen Generation der Muslimbrüder verwickelt. Er propagiert einen um soziale Komponenten erweiterten Marktliberalismus. Mit Megaprojekten will er Wachstum generieren, bessere Bedingungen für Klein- und Mittelbetriebe schaffen und den Bauern die Schulden erlassen.
Für die Stichwahl versuchen Mursis Strategen ein moderateres Image zu kreieren. Neuerdings gibt sich der Muslimbruder nun als Fahnenträger der Revolution und verspricht ein Präsident aller zu sein. Er sichert den Christen zu, dass sie ihren Glauben frei praktizieren dürfen und nicht als Bürger zweiter Klasse leben müssen. Die Kampagne trägt nun das Motto: «Unsere Stärke liegt in der Einheit.»
Ahmed Shafik zählt als Ehemaliger des alten Regimes zu den Fulul (wörtlich: Überresten); eine Bezeichnung, die seit Mubaraks Sturz zum Schimpfwort geworden ist. Shafik errang bei der Präsidentschaftswahl hinter dem Muslimbruder al-Mursi den zweiten Platz. Seine Kandidatur ist mit Fragezeichen behaftet. Gleich mehrere Justizverfahren gegen ihn sind im ägyptischen Justiz-Dschungel hängig.
Erfahrener Technokrat
Der 71-jährige Pilot und ehemalige Luftwaffenkommandant wurde in den ersten Tagen des Aufstands von Mubarak als Regierungschef eingesetzt. Dieses Amt hatte er inne, als die «Schlacht der Kamele» auf dem Tahrir-Platz stattfand, die sechs Tote forderte. Shafik behauptet, damit nichts zu tun gehabt zu haben. Nach einer hitzigen Fernsehdebatte mit dem Schriftsteller Alaa al-Aswani, in der dieser ihm Untätigkeit gegen die Drahtzieher aus dem Innenministerium vorwarf, musste er nach nur etwas mehr als einem Monat zurücktreten. Für den Wahlkampf scheint Shafik über unbegrenzte Mittel zu verfügen. Und die staatlichen Medien haben ihm bereitwillig viel Platz gewährt.
Als Luftfahrtminister hatte sich Shafik einen Namen als fähiger Technokrat gemacht. Er leitete die erfolgreiche Umstrukturierung der nationalen Fluggesellschaft. Und in Kairo entstand unter seiner Ägide ein neuer Flughafen mit einer jährlichen Kapazität von 22 Millionen Passagieren, der heute als Visitenkarte Ägyptens dient. Shafik sieht sich im Präsidentenamt primär als Sanierer. Er formulierte einige Ziele, ein Wahlprogramm hat er nicht. Dafür aber profiliert er sich als Mann mit eisernem Besen. Er tritt für Ruhe und Ordnung ein und verspricht den Bürgern, innert drei Monaten wieder umfassende Sicherheit herzustellen. Das Budget für Bildung will Shafik auf zehn Prozent des Bruttosozialproduktes erhöhen, was eine Verdreifachung bedeutete. Neue Arbeitsplätze verspricht sich der Ex-General von Grossprojekten, etwa der Einrichtung einer Industriezone am Suezkanal. Sein erster offizieller Auslandbesuch nach der Wahl werde nach Washington führen, versprach der Kandidat.
Liquidator der Revolution
Ohne selbst Parteimitglied zu sein, war Shafik mit Mubarak stets eng verbunden. Heute ist klar: Shafik ist der Kandidat der Armee. In seiner Plattform lädt er die Armee ein, als Wächter der konstitutionellen Legitimität weiterhin eine politische Rolle zu spielen. Er garantiert der Armee, ihre Beteiligung im Industriesektor nicht anzutasten. Im Wahlkampf hatte er scharfe Attacken gegen die Muslimbrüder geritten, denen er vorwarf, mit ihrer Kritik an der Armee Chaos zu bewirken. Diese Strategie bewährte sich. Shafik konnte nicht nur grosse Teile der Christen auf seine Seite ziehen, sondern auch jene, die Stabilität einer permanenten Revolution vorziehen.
Der einstige General ist eine polarisierende Figur. Seine Gegner sehen in ihm den Liquidator der Revolution. Auf diese Vorwürfe versucht Shafik vor der Stichwahl zu reagieren. Den Revolutionären verspricht er, dass sie die Früchte des Aufstands ernten werden. Und gegenüber der religiösen Opposition beteuert er, als Präsident könne er sich gut vorstellen, mit einer von Muslimbrüdern dominierten Regierung zusammenzuarbeiten.
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