Neue Zürcher Zeitung, 30. Mai 2012, 09:30
Wiedergutmachung für die Vietnamveteranen
Den amerikanischen Opfern und Rückkehrern soll die gebührende Ehre erwiesen werden
Präsident Obama hat an der Gedenkstätte für den Vietnamkrieg die damalige Behandlung heimkehrender Soldaten als nationale Schande gegeisselt. Ein halbes Jahrhundert später will Amerika das Unrecht wiedergutmachen.
Peter Winkler, Washington
Mit einer Feier am Washingtoner Denkmal für die amerikanischen Opfer des Vietnamkriegs haben die USA eine dreizehn Jahre lange Ehrerweisung für die Rückkehrer und die Opfer dieses verlustreichen Kriegs in Indochina begonnen. Der Einsatz amerikanischer Helikopterpiloten, die im Januar 1962 südvietnamesische Einheiten aus Saigon aufs Schlachtfeld flogen, gilt dabei als offizieller Auftakt des dreizehn Jahre währenden Engagements der Vereinigten Staaten, das über 58 000 Soldaten mit ihrem Tod und mehr als 300 000 weitere mit körperlichen oder seelischen Wunden bezahlten.
Langes Vergessen
Sie seien oft für einen Krieg verantwortlich gemacht worden, den sie nicht begonnen hätten, statt für ihren heldenmütigen Dienst für ihr Land gelobt zu werden, rief Obama unzähligen Veteranen des Vietnamkriegs zu, die am Memorial Day, dem letzten Montag im Mai, in brütender Hitze am Kriegsdenkmal ausharrten. Sie seien für die Fehler einiger weniger verantwortlich gemacht worden, statt dass man den ehrenvollen Dienst der vielen gepriesen habe. Dies sei eine nationale Schande gewesen, sagte Obama, eine Schmach, die nie hätte passieren dürfen. Wie um nachzuholen, was damals versäumt wurde, hiess der Präsident die Vietnamveteranen mehrmals willkommen: «Danke, wir wissen euch zu schätzen; willkommen zu Hause!»
Gemäss einem Beschluss des Kongresses wollen die USA über die nächsten dreizehn Jahre des schwierigen Krieges und seines mindestens ebenso schwierigen Erbes gedenken – gleich lange, wie der Krieg von jenem ersten Helikoptereinsatz an bis zum Abzug der amerikanischen Truppen 1975 dauerte. Dass bei der chaotischen Evakuierung vom Dach der amerikanischen Botschaft in Saigon, die zum bildlichen Symbol eines unwürdigen Kriegsendes wurde, auch wieder amerikanische Helikopterpiloten beteiligt waren, ist eine merkwürdige Laune des Schicksals.
Erst vor einigen Tagen hatte Präsident Obama der Witwe und dem Bruder eines Vietnamkämpfers die höchste militärische Auszeichnung der Vereinigten Staaten, die Ehrenmedaille, überreicht. Leslie Sabo, ein in Österreich geborener Mann ungarischer Herkunft, war 1970 in Kambodscha gefallen. Zwar war er schon kurz danach für die postume Auszeichnung vorgeschlagen worden, doch Verteidigungsminister Leon Panetta unterstrich bei der Zeremonie, Sabos Schicksal stehe in vielem für die Geschichte des Vietnamkriegs: «Wir vergassen, und jetzt endlich erinnern wir uns wieder.»
Die Vietnamveteranen, darin sind sich die Experten weitgehend einig, wurden schlechter behandelt als die Rückkehrer aus sämtlichen anderen grossen internationalen Kriegen vorher und nachher. Dies ist umso schmerzlicher, wenn man die Geringschätzung für den Krieg in Indochina und dessen Akteure mit der grossen Anteilnahme vergleicht, die Veteranen, Opfern und Versehrten der anderen bewaffneten Konflikte in der amerikanischen Öffentlichkeit entgegengebracht wird. Die Selbstverständlichkeit, mit der «unseren Männern und Frauen in Uniform» heute in fast allen gesellschaftlichen Kreisen Respekt gezollt wird, wäre in Europa unvorstellbar.
Enorme Folgekosten
Der Aufwand, der für die Heimkehrer, die Verwundeten und Verstümmelten, aber auch für die Hinterbliebenen betrieben wird, ist enorm – und er wird immer kostspieliger. Laut einem Bericht der Agentur Associated Press haben 45 Prozent der insgesamt 1,6 Millionen bisherigen Veteranen der Kriege im Irak und in Afghanistan Gesuche um Unterstützung für mindestens eine körperliche oder seelische Beeinträchtigung gestellt. Im Durchschnitt wurden zwischen 8 und 9 Beeinträchtigungen angemeldet; im letzten Jahr stieg diese Rate auf über 11. Die Zahlen belegen, dass heute viele Langzeitfolgen akzeptiert werden, die es früher «nicht gab» – wie etwa die Folgen von Hirnerschütterungen oder posttraumatische Belastungsstörungen.
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