Neue Luzerner Zeitung Online

Hunderttausende erinnern an Anschlagsopfer

ANGRIFF AUF CHARLIE HEBDO ⋅ Nach den Terror-Anschlägen in Paris gegen das Satire-Magazin "Charlie Hebdo" und in einem jüdischen Supermarkt haben am Samstag hunderttausende Demonstranten in Frankreich an die 17 Todesopfer erinnert.

Die Regierung verschärfte die Sicherheitsmassnahmen weiter und mobilisierte hunderte zusätzliche Soldaten. Für Sonntag ist in Paris ein zentraler Gedenkmarsch geplant.

Allein in der 80'000-Einwohner-Stadt Pau im Südwesten Frankreichs beteiligten sich nach Polizeiangaben am Samstag 40'000 Menschen an einer Kundgebung zu Ehren der Anschlagsopfer. 80'000 Teilnehmer kamen in Toulouse im Süden des Landes zusammen, 75'000 Teilnehmer wurden in der westfranzösischen Stadt Nantes gezählt. Auch in mehreren anderen Städten wie Marseille gab es Massenkundgebungen.

Auch in der Schweiz wurde am Samstag erneut der Opfer des Angriffs auf "Charlie Hebdo" gedacht. In Bellinzona fanden sich rund 500 Personen zu einem Zusammenstehen in der Stille ein. In Genf beteiligten sich 2000 Menschen am Abend an einer Solidaritätskundgebung.

Die Anschläge in Paris hatten das Land schwer erschüttert und tagelang in Atem gehalten. Die mutmasslichen "Charlie-Hebdo"-Attentäter, die Brüder Chérif und Said Kouachi, waren am Freitagnachmittag von Polizisten erschossen worden. Sie hatten sich zuvor in einer Druckerei nordöstlich von Paris verschanzt.

Beinahe zeitgleich schlugen die Sicherheitskräfte in einem jüdischen Supermarkt im Osten von Paris zu, wo der Islamist Amedy Coulibaly zahlreiche Geiseln genommen und offenbar vier von ihnen erschossen hatte.

Attentäter-Freundin auf der Flucht

Die französische Polizei fahndete am Samstag weiter nach Coulibalys 26-jährige Lebensgefährtin Hayat Boumeddiene. Gemäss mehreren Medienberichten befindet sich Boumeddiene jedoch bereits seit Tagen in der Türkei oder in Syrien. Zum Zeitpunkt der Taten habe sie sich höchstwahrscheinlich bereits in der Türkei aufgehalten, sagte ein Polizeivertreter am Samstag der Nachrichtenagentur AFP.

Der bei dem Polizeieinsatz getötete Coulibaly soll bereits am Donnerstag - einen Tag nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" mit zwölf Toten - in Montrouge südlich von Paris eine Polizistin erschossen und einen Mann schwer verletzt haben. Wegen dieses Angriffs wird auch Boumeddiene gesucht.

Coulibaly und Chérif Kouachi kannten sich schon seit Jahren, und offenbar stimmten sie ihre Taten ab. Chérif Kouachi erklärte vor seinem Tod, Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida im Jemen zu haben; Coulibaly bezeichnete sich als Mitglied der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS).

Neue Drohungen von Al-Kaida

Der Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) drohte nach Angaben von US-Experten mit neuen Attentaten. "Ihr werdet nicht mit Sicherheit gesegnet sein, so lange ihr Allah, seinen Verkünder und die Gläubigen bekämpft", sagte der AQAP-Vertreter Harith bin Ghazi al-Nadhari in einem Video.

Allerdings mehrten sich auch warnende Stimmen aus dem arabischen Raum. So sagte der Chef der libanesischen Hisbollah, Scheich Hassan Nasrallah, in einer Videobotschaft, die Glaubensfanatiker hätten dem Islam mehr geschadet als jeder andere in der Geschichte. Mit ihren unmenschlichen Taten würden Terroristen "den Propheten Gottes und die islamische Welt beleidigen."

"Meinungsverschiedenheiten können keinen Mord rechtfertigen", betonte auch die Palästinenserorganisation Hamas in einer am Samstag auf französisch veröffentlichten Erklärung.

"Republikanischer Marsch"

Nach einem erneuten Krisentreffen im Elysée-Palast verkündete Innenminister Bernard Cazeneuve, die höchste Sicherheitsstufe des Anti-Terror-Plans Vigipirate werde im Grossraum Paris beibehalten. Die Zahl der in der Hauptstadtregion eingesetzten Soldaten wird um 500 auf 1350 erhöht.

Zum "Republikanischen Marsch" in der Pariser Innenstadt am Sonntag werden hunderttausende Menschen erwartet. Zahlreiche Staats- und Regierungschefs haben sich angekündigt, darunter Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, Bundeskanzlerin Angela Merkel, der britische Premier David Cameron, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der russische Aussenminister Sergej Lawrow und US-Justizminister Eric Holder.

Der rechtsextreme Front National, der zu dem Gedenkmarsch in Paris nicht eingeladen wurde, rief unterdessen zu separaten Kundgebungen am Sonntag auf. Parteichefin Marine Le Pen forderte ihre Anhänger auf, aus Protest gegen die etablierten Parteien nicht in Paris, sondern in der Provinz auf die Strasse zu gehen. (sda/reu/afp/dpa)

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