Machtkampf im Jemen spitzt sich zu

JEMEN ⋅ Im Jemen haben schiitische Rebellen am Dienstag den Amtssitz des Präsidenten in der Hauptstadt Sanaa erobert. Die Huthi-Milizen hätten die Kontrolle über den Komplex übernommen, sagte ein hochrangiger Militärvertreter.

Auch der Huthi-Vertreter Ali al-Buchaiti schrieb auf seiner Facebook-Seite, dass die Rebellen die Kontrolle über den Präsidentenpalast errungen hätten. Augenzeugen hatten zuvor von heftigen Gefechten und Explosionen im Inneren der Anlage berichtet. Mindestens zwei Menschen seien bis zum Abend getötet worden.

Informationsministerin Nadia al-Sakkaf teilte über den Kurznachrichtendienst Twitter mit, das Wohnhaus des Präsidenten werde beschossen. Es handle sich um einen Umsturzversuch. Wer für die Angriffe verantwortlich sein soll, sagte sie nicht ausdrücklich. Auch das Schicksal von Staatspräsident Abed Rabbo Mansur Hadi war vorerst unklar.

"Keine Kontrolle"

Ein Huthi-Sprecher sagte, die Schiitentruppen hätten lediglich die Kontrolle über die Häuser der Palastwachen übernommen. "Wir wollen nicht den Palast kontrollieren", sagte Daif al-Schami. "Wir haben nur unsere Einheiten in der Nähe stationiert, um mögliche Plünderungen zu verhindern." Laut Al-Schami hätten die Palastwachen zuvor ihre Posten verlassen.

Mit ihrem Vorgehen wollen die Huthis vor der Ausarbeitung einer neuen Verfassung anscheinend den Druck auf die sunnitisch dominierte Regierung erhöhen. Am Wochenende hatten die Huthis bereits Hadis Büroleiter entführt, am Montag lieferten sie sich stundenlange Gefechte mit dem Militär vor dem Präsidentenpalast. Neun Menschen kamen dabei ums Leben.

Ebenso nahmen sie die Gebäude des Staatsfernsehens und der offiziellen Nachrichtenagentur ein. Seit Montagabend wird zudem der Amtssitz des Regierungschefs Chaled Bahah im Stadtzentrum belagert. Dieser soll sich jedoch nach Medienberichten nicht mehr im Gebäude aufhalten.

Schiitische Huthi-Rebellen hatten im Sommer 2014 die Hauptstadt Sanaa erobert und faktisch die Regierungsgeschäfte übernommen.

UNO besorgt, Botschaften geschlossen

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich über die Zusammenstösse besorgt. Alle Kampfhandlungen müssten eingestellt und die öffentliche Ruhe müsse wiederhergestellt werden.

Auch der UNO-Sicherheitsrat befasste sich mit der Krise. Einem Teilnehmer zufolge nahm der UNO-Sondergesandte für den Jemen, Dschamal Benomar, per Videoschaltung an der Sitzung teil. Demnach konnten die Huthi-Kämpfer die Armee überzeugen, keinen Widerstand zu leisten.

Wegen der Kämpfe schlossen mehrere Länder ihre Botschaften in der Hauptstadt. Die französische Botschaft blieb am Dienstag bis auf weiteres zu, wie aus westlichen Diplomatenkreisen verlautete.

Die Vertretungen der Niederlande und Grossbritanniens hatten am Montag vorsorglich ihre Pforten geschlossen. Die Schweiz unterhält keine Botschaft in Sanaa. Das Land wird von der Schweizer Vertretung in Saudi-Arabien betreut.

Al-Kaida-Angriffe im Osten

Der Jemen ist auch Basis von Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP). Die Gruppe hatte sich vergangene Woche zum Anschlag auf das französische Satireblatt "Charlie Hebdo" bekannt. Das Chaos im Land nutzt sie nun gnadenlos aus.

So hätten am Dienstag Bewaffnete im östlich gelegenen Hadramaut-Gebirge mit automatischen Gewehren das Feuer auf eine Patrouille eröffnet, teilte eine Militärquelle der Deutschen Presse-Agentur mit. Das Militär vermutet Al-Kaida hinter den Angreifern. (sda/afp/reu/dpa)


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