Rätselhafte Spur führt zu Terroristen

DEUTSCHLAND ⋅ 15 Jahre lang wurde die kleine Peggy vermisst, im Juli fand ein Pilzsammler ihre Leiche. Nun wurde am Fundort eine DNA-Spur entdeckt, die mit jener des Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt übereinstimmt.

14. Oktober 2016, 15:41

Ihr Hass richtete sich gegen Ausländerinnen und Ausländer, ihre Opfer waren Menschen türkischer und griechischer Herkunft. Um an eine Waffe heranzukommen, töteten sie eine junge Polizistin: Jahrelang agierte der «Nationalsozialistische Untergrund» (NSU) aus dem Verborgenen heraus, im November 2011 flog das aus Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe bestehende Trio nach einem missglückten Raubüberfall auf.

Die beiden Uwes töteten sich noch vor dem Zugriff der Polizei selbst, die einzige Überlebende, Zschäpe, steht seit dreieinhalb Jahren vor einem Münchner Gericht. Möglicherweise war das NSU-Mitglied Uwe Böhnhardt für mindestens ein weiteres Tötungsdelikt verantwortlich. In dem bislang ungeklärten Mordfall an der neunjährigen Peggy führt seit Donnerstag überraschend eine Spur zu dem toten Rechtsterroristen.

Die sterblichen Überreste der im Mai 2001 entführten Peggy wurden im Juli dieses Jahres von einem Pilzsammler in einem Waldstück im Süden Thüringens 14 Jahre nach ihrem spurlosen Verschwinden gefunden – nur 15 Kilometer von ihrer Wohngemeinde im bayerischen Lichtenberg entfernt.

Ermittler stiessen beim Fundort auf verschiedene Gegenstände, darunter ein Stück Stoff. Bei der Überprüfung des kleinen Stoffrestes schlug plötzlich die Datenbank der Ermittler an: Auf dem Überbleibsel einer Decke befindet sich die DNA Uwe Böhnhardts.

Tötete Böhnhardt 1993 einen Neunjährigen?

So ungeheuerlich die Entwicklung im Fall Peggy ist: Eine Verbindung des NSU zu Fällen von Kindsmissbrauch ist nicht völlig abwegig. Böhnhardt wurde bereits in der Vergangenheit mit einem nach wie vor ungeklärten Mord an einem Kind in Verbindung gebracht.

Ein ehemaliger Kumpel Böhnhardts sagte 2012 gegenüber Beamten aus, Böhnhardt sei möglicherweise für die Tötung des neunjährigen Bernd verantwortlich, der im Juli 1993 in Jena verschwand und zwölf Tage später tot aufgefunden wurde. Offen sind etliche weitere Fragen: Das Trio war mehrmals mit einem Wohnmobil unterwegs, so auch bei der letzten Tat 2011. Die beiden Uwes steckten den Wohnwagen in Brand, bevor sie sich mit einer Waffe selbst töteten.

Ermittler fanden in dem ausgebrannten Wohnwagen ein Plüschtier, einen Kinderschuh und Kinderspielzeug, die bis heute noch nicht zugeordnet werden konnten. Auch in der ebenfalls in Brand gesteckten Zwickauer Wohnung der drei Rechtsterroristen fanden sich Kinderspielsachen, ausserdem stiessen die Ermittler in den Überresten der Wohnung auf einen Datenträger, auf dem sich kinderpornografisches Material befand.

Linke fordern weitere Abgleiche

Erwiesen ist bislang, dass Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe zumindest freundschaftlichen Kontakt mit dem wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs verurteilten Rechtsextremisten Tino Brandt hielten. Von Bedeutung sind darüber hinaus nun auch wieder Zeugenaussagen von 2001, wonach sich im Ort von Peggys Verschwinden über einen längeren Zeitraum ein Wohnmobil mit Berliner Kennzeichen befunden haben soll. Die Herkunft des Fahrzeuges konnte bisher nie ermittelt werden.

Der gefundene genetische Fingerabdruck von Böhnhardt beim Fundort von Peggys Skelett wird zu umfangreichen neuen Ermittlungen führen. Plötzlich wird Beweismaterial, das im Prozess gegen das NSU-Mitglied Beate Zschäpe sichergestellt wurde, auch für den Fall der ermordeten Peggy relevant. Die Vorsitzende des Thüringer NSU-Ausschusses, Dorothea Marx (SPD), forderte gestern eine Überprüfung der im ausgebrannten Wohnmobil und in der Zwickauer Wohnung vorgefundenen Kinderspielsachen.

Bis heute seien die Gegenstände grösstenteils nicht auf DNA untersucht worden. «Das ist eine der wichtigen Forderungen, dass man jetzt da noch mal genau schaut und noch mal DNA-Proben vergleicht mit den DNA-Proben von Peggy», sagte Marx. Mitglieder der Linkspartei fordern einen Abgleich der DNA von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe mit allen ungeklärten Fällen, bei denen Kinder oder Menschen mit Migrationshintergrund ums Leben gekommen sind. Der Anwalt der Nebenkläger im NSU-Prozess forderte gestern die einzige Zeugin Beate Zschäpe auf, sich im NSU-Prozess umfangreich zu den neuen Erkenntnissen zu äussern.

De Maizière: «Unfassbar!»

Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) meldete sich zu Wort. Er bezeichnete die Entwicklung im Fall Peggy gestern als «bemerkenswertes Ergebnis der Kriminaltechnik». Dass nun der Verdacht bestehe, einer der drei NSU-Terroristen sei für den Tod des kleinen Mädchens Peggy verantwortlich, «ist unfassbar», sagte Minister Thomas de Maiziére.

Theoretisch ist es möglich, dass eine Panne in der Rechtsmedizin zu einer Verunreinigung der Probe geführt hat. Medienberichten zufolge wurden die Leichen Böhnhardts und Peggys mit einem zeitlichen Abstand von fünf Jahren in der Rechtsmedizin Jena obduziert. Die Rechtsmedizin Jena hat gestern allerdings eine zufällige Übertragung von DNA am eigenen Institut ausgeschlossen.

Christoph Reichmuth/Berlin


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