Warum sich alles nur um Trump dreht

US-WAHLEN ⋅ Hillary Clinton will den Kampf um das Weisse Haus in ein Referendum über die Person Donald Trump umwandeln – weil dies ihre einzige Chance ist, die Präsidentenwahl zu gewinnen.

Renzo Ruf, Washington

Ausgestrahlt wurde der Werbespot nur ein einziges Mal, an einem Montagabend im September 1964. Noch heute aber gelten die 60 Sekunden, in denen ein kleines Mädchen an einem Gänseblümchen zupfte und die Explosion einer Atombombe gezeigt wird, als die wichtigste Annonce in der modernen Wahlkampf-Geschichte Amerikas. Denn der Spot, der sich gegen den republi­kanischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater richtete und dessen Botschaft lautete: «Es steht zu viel auf dem Spiel» (im Original: «The stakes are too high»), brachte die Botschaft des amtierenden Präsidenten Lyndon Johnson auf den Punkt. Goldwater – ein prinzipientreuer Konservativer mit einem Flair für kontroverse Aussagen – sei schlicht zu unberechenbar, um ihm die Verantwortung für die ganze Nation zu übergeben.

Gefährlich, vulgär, fremdenfeindlich

Dies klingt irgendwie vertraut. Mit dem gleichen Argument kämpft derzeit die Demokratin Hillary Clinton, Parteigenossin von Präsident Johnson, gegen den Republikaner Donald Trump. In politisch umkämpften Bundesstaaten wie Virginia, Ohio oder North Carolina vergeht kaum eine Stunde, in der nicht ein Clinton-Fernsehspot ausgestrahlt wird, in dem der republikanische Präsidentschaftskandidat als gefährlich, inkohärent, vulgär, fremdenfeindlich oder schlicht als ein Mensch dargestellt wird, der ständig dummes Zeug von sich gibt.

Entsprechendes Material ist reichlich vorhanden – zuletzt suggerierte Trump diese Woche, Waffenbesitzer müssten zur Tat schreiten, würde Hillary Clinton ins Weisse Haus einziehen und ihren angeblichen Plan verwirklichen, die Waffengesetze zu verschärfen. Und er behauptete, Clinton habe die Terror-gruppe Islamischer Staat mitbegründet.

Trumps Sabotage

Politisch ist diese Strategie der Demokratin erfolgversprechend – lässt sich der chaotische Wahlkampf um das Weisse Haus doch auf zwei Sätze reduzieren. Drehen sich die nächsten drei Monate um Donald Trump, dann wird Hillary Clinton gewinnen. Steht aber im Schlussspurt des Wahlkampfs die Person Hillary Clinton im Zentrum, dann wird Donald Trump ins Weisse Haus einziehen. Die vergangenen Tage haben gezeigt, was Trump von dieser Reduktion auf das Wesentliche hält: nichts. Statt sich an das Skript zu halten, sabotiert er seit dem Ende des Parteitags der Republikaner fast sämtliche Versuche seines Stabs, eine konzise Botschaft zu verbreiten. Dafür zahlt er einen hohen Preis. Bevölkerungsgruppen, die mit seiner kruden Botschaft wenig anfangen können und tatsächlich der Meinung sind, Trump sei gefährlich und psychisch angeschlagen, haben sich von ihm abgewendet.

Trump ist in den Meinungsumfragen aber nicht ins Bodenlose gestürzt. Noch immer sagen landesweit gegen 36 Prozent, dass sie dem Republikaner die Stimme geben wollen. Clinton bringt es auf bis zu 41 Prozent der Stimmen.

Knallharte Anhänger

Aus diesen Daten lässt sich ein einfacher Schluss ziehen: Allem Anschein nach kann Trump sagen, was er will – der harte Kern seiner Partei hält zu ihm. Dafür gibt es vier Gründe. Da sind zum einen die knallharten Trump-Anhänger, die ihrem Idol jedes Wort glauben und schon immer der Meinung waren, dass die politische und wirtschaftliche Elite sich nicht für das Wohlergehen des Durchschnittsamerikaners interessiere. Das ist eine Gruppe, die sich mit der Demokratie schwertut und die Medien hasst. Dann gibt es aufgeklärte Trump-Wähler, die den Republikaner dafür schätzen, dass er den politischen Konsens hinterfragt – und nicht jedes Wort auf die Goldwaage legt. Andere Republikaner unterstützen ihn, weil sie loyale Parteianhänger sind. Und eine vierte Gruppe von Amerikanern wird Trump die Stimme geben, weil sie unbedingt eine Präsidentin Clinton verhindern wollen.

Kurz: Diese Wähler werden sich nicht umstimmen lassen, nicht von besorgten Zeitungskolumnisten, nicht von aufgebrachten ausländischen Politikern und schon gar nicht durch den Wahlkampfstab von Hillary Clinton. Sie werden ihrem Kandidaten beistehen, so wie dies in der jüngeren Geschichte Amerikas noch immer der Fall gewesen ist. Selbst Barry Goldwater, der von Präsident Johnson als durchgeknallter Waffennarr porträtiert wurde, gewann 1964 die Stimmenmehrheit in sechs der 50 Bundesstaaten.


Login


 

Anzeige: