James Comey macht sich keine neuen Freunde

WASHINGTON ⋅ Das erste Fernsehinterview mit James Comey wartete mit der gesamten Palette von Emotionen auf, die der ehemalige FBI-Direktor in der amerikanischen Öffentlichkeit zu wecken vermag.
16. April 2018, 16:25

Renzo Ruf, Washington

Fünf Stunden lang sollen sie miteinander gesprochen haben. Am Ende bekamen die amerikanischen Fernsehzuschauer, die sich am späten Sonntagabend ein mit Spannung erwartetes TV-Interview des «ABC»-Journalisten George Stephanopoulos mit dem im Mai 2017 entlassenen FBI-Direktor James Comey anschauten, aber nur einen Bruchteil dieses Gesprächs zu sehen – 40 Minuten vielleicht, unterbrochen von Werbespots, nervigen Rückblenden in den Wahlkampf 2016 und unnötigen Kommentaren weiterer «ABC»-Journalisten. Und dennoch reichten diese 40 Minuten aus, um das Bild, dass sich die hiesige Öffentlichkeit von Comey gemacht hat, zu zementieren. Der grossgewachsene 57-Jährige wartete mit einer Mischung aus Arroganz, Stolz, Volkstümlichkeit und Provokation auf, die seinesgleichen sucht. Eine Mischung, mit der er sich in Washington wohl keine neuen Freunde machen wird. Andererseits: Comey scheint kein Mann zu sein, der nach neue Freunden sucht.

Am stärksten hängen blieben sicherlich die deutlichen Worte, die der ehemalige Direktor der mächtigen Bundespolizei über seinen alten Chef fand. Comey nannte Trump einen «notorischen Serienlügner», und einen Mann, der Frauen behandle als seien sie ein «Stück Fleisch». Trump, sagte Comey, sei «ungeeignet», das Amt des Präsidenten auszuüben – und zwar nicht, weil er geistig nicht auf der Höhe sei (ganz im Gegenteil, findet Comey: Trump ist «überdurchschnittlich intelligent»), sondern weil er nicht über das notwendige Wertgerüst verfüge. «Er ist moralisch ungeeignet für das Amt des Präsidenten.» Comey verglich Trump deshalb auch mit einem Mafiaboss – eines Spezies Mann, mit der Comey in seinem ehemaligen Job als New Yorker Staatsanwalt oft in Kontakt kam.

Geradezu atemberaubend war zudem, was Comey über die Episode ausplauderte, die ihn, den ehemaligen FBI-Direktor, zu einem wichtigen Zeugen von Sonderermittler Robert Mueller machen – ein Treffen im Oval Office des Weissen Hauses zwischen dem FBI-Direktor und dem Präsidenten im Februar 2017. Damals soll der Präsident ihn darum gebeten haben, die strafrechtlichen Ermittlungen gegen den entlassenen Nationalen Sicherheitsberater Michael Flynn einzustellen. Comey habe diese Aussage als Aufforderung und Befehl verstanden, sagte er dem Fernsehsender «ABC». Dies sei sicherlich ein Beleg dafür, dass der Präsident die Arbeit der Justiz behindern habe wollen – was einer Straftat gleichkommen würde. (Flynn half dies alles nicht. Er gab im Dezember 2017 vor Gericht zu, FBI-Agenten angelogen zu haben.) Andererseits wies Comey auch darauf hin, dass ein Staatsanwalt über zusätzliche Beweismittel verfügen müsste, um den Präsidenten anzuklagen. Comey sagte zudem, er könne es nicht ausschliessen, dass der Kreml im Besitz von «kompromittierendem Material» über Trump sei, auf das Moskau zurückgreifen könnte, um den Präsidenten gefügig zu machen.

Kritiker von Comey werden sich an diesen Einschätzungen reiben – weil er dabei mehrere unsichtbare Grenzen überschritt und sich keine Mühe mehr gab, neutral zu wirken. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass der ehemalige Bundespolizist dem «ABC»-Journalisten anvertraute, dass er Präsident Barack Obama nie unterstützt habe (wiewohl ihn dieser zum FBI-Direktor ernannt hatte) und er 2016 nicht an der Präsidentenwahl teilgenommen habe. Andererseits räumte er auch ein, dass seine langjährige Gattin und wohl sämtliche seiner fünf Kinder (vier Töchter und ein Sohn) im Wahlkampf 2016 Hillary Clinton unterstützt hätten.

Patrice, seine Gattin, mit der er seit drei Jahrzehnten verheiratet ist, habe ihm im Wahlkampf aber versichert: «Schau, ich weiss, was du machst. Ich verstehe, dass du versuchst, die Institutionen zu beschützen.» Und auf genau diese Begründung griff Comey zurück, um seinen wohl umstrittensten Entscheid zu begründen – seine späte Intervention in das Ringen um das Weisse Haus, wenige Tage vor dem Wahltag 2016. Er hätte es vorgezogen, sagte Comey, wenn er im Oktober nicht hätte ankündigen müssen, dass er die Ermittlungen gegen Hillary Clinton wieder aufgenommen habe. «Aber ich hatte keine andere Wahl», denn wenn er die neue Untersuchung kaschiert hätte, hätte diese «katastrophale» Folgen haben können, insbesondere dann, wenn Clinton die Wahl gewonnen hätte. «Sie wäre eine illegitime Präsidentin gewesen.»

Dass es nicht soweit gekommen ist, dafür trägt auch James Comey eine gewisse Verantwortung – weil er sich im entscheidenden Moment auf Meinungsumfragen abstützte, und die Vorgaben des FBI ignorierte, sich nicht öffentlich über Strafuntersuchungen zu äussern. Auch deshalb fällt es vielen Amerikanern schwer, dem Mann, dessen neues Buch im Original «Eine übergeordnete Loyalität» heisst, nun Glauben zu schenken. Zu diesen Amerikanern zählt auch Donald Trump. Der Präsident sagte am Montag, nachdem er sich angeblich Auszüge des Interviews zu Gemüte geführt hatte: Comey habe Clinton freigesprochen, lange bevor er sie interviewt habe, und dann auf Umfrage-Zahlen zurückgegriffen, um diese Entscheidung zu rechtfertigen. Damit habe sich der vergrätzte Ex-FBI-Direktor straffällig gemacht.


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