Kim Jong Uns Anspruch

NORDKOREA ⋅ Selbst noch schärfere Sanktionen vermögen Nordkoreas Diktator nicht zur Räson bringen. Jetzt liess er erstmals verlauten, was er mit den Raketentests bezweckt.
17. September 2017, 07:35

Angela Köhler, Tokio

Erstmals hat Nordkoreas Diktator Kim Jong Un der Welt erklärt, was seine andauernden Provokationen mit Raketen- und Atomtests eigentlich bezwecken sollen. «Die Kriegslüsternheit der USA» will der Machthaber damit angeblich dämpfen. «Wir müssen den Grossmacht-Chauvinisten zeigen, wie unser Staat den Ausbau der Atomstreitkräfte trotz endloser Sanktionen und Blockaden erreicht», liess er sich von der staatlichen Propagandaagentur KCNA zitieren. Ziel sei ein «Gleichgewicht der Kräfte» zwischen Pjöngjang und Washington, um der US-Führung die militärische Option zu nehmen, wurde er weiter zitiert.

Markige Worte vom Diktator in Nordkorea, die eher auf Grössenwahnsinn als auf realistische Einschätzung der Weltlage schliessen lassen. Und dennoch könnte das Kalkül von Kim Jong Un aufgehen. Vordergründig ist die Botschaft aus dem Kim-Palast, Feind und Freund zu beweisen, dass Pjöngjang auf die internationale Meinung pfeift. Weder vorsichtige Diplomatie noch harte Sanktionen bringen Nordkorea von seinem Raketen- und Atomtestprogramm ab. Kim verspricht sich davon eine Lebensversicherung für sein Regime und zudem Erpressungspotenzial in möglichen Verhandlungen. Vorstellbar ist aber auch ein Szenarium, bei dem ein begrenzter nordkoreanischer Erstschlag mit Atomwaffen – zum Beispiel gegen den US-Militärstützpunkt Guam – die USA zwingen könnten, auf eine atomare Gegenreaktion zu verzichten. Unter internationalem Druck bliebe Washington kaum die Wahl, um die Gefahr eines Weltkrieges schon in der Anfangsphase einzudämmen.

Das klingt vielleicht verrückt, aber niemand weiss, ob Führer Kim irrsinnig genug ist, um das für eine rationale Kalkulation zu halten. Ob, wann und wodurch Nordkoreas Führer zu der narzisstischen Einschätzung gelangt, ein US-Angriff gegen sein Regime stehe unmittelbar bevor, ist die Millionen-Dollar-Frage.

Wenn sich US-Präsident Donald Trump weiterhin auf das primitive rhetorische Niveau der Kim-Clique herunterziehen lässt, von «Feuer und Zorn» schwafelt, wäre das ein schwerer Fehler. Nach dem erneuten Raketentest Nordkoreas halten sich die USA die Möglichkeit eines militärischen Eingreifens offen. «Es gibt die militärische Option», sagte der nationale Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster am Freitag in Washington. Diese Option sei aber nicht die bevorzugte.

Die Lage beruhigen könnte dagegen, wenn Washington auf die Drohung mit einem Präventivkrieg künftig verzichten würde. Damit liefe die gesamte Aufrüstungshysterie von Kim Jong Un erkennbar ins Leere.

Das Weisse Haus befindet sich stattdessen aber immer noch in einem Teufelskreis. Rechtfertigt eine Attacke auf die kleine Pazifikinsel Guam einen massiven Konter gegen Pjöngjang? Vorausgesetzt Nordkorea besitzt wirklich eine Wasserstoffbombe und interkontinentale Raketen, müssten die USA danach einen Angriff auf amerikanische Grossstädte befürchten. Die Folge könnte ein vernichtender Schlagabtausch sein, wofür niemand eine Verantwortung übernehmen kann und will.

Rakte flog so weit wie noch nie

Seit es sie gibt – nach Hiroshima und Nagasaki –, ist es der Sinn von Atomwaffen, dem Feind damit zu drohen. Nicht etwa, sie auch wirklich einzusetzen. Würden die USA auch nur ernsthaft mit dem Gedanken spielen, von dieser Doktrin abzuweichen, hätten sofort alle Nuklearwaffen besitzenden Staaten den Finger am Abzug, nicht nur die Grossmächte, sondern auch alle Möchtegern-Atomkrieger in der Welt. Das strategische Mittel der nuklearen Androhung wäre damit verbrannt. Nordkorea hatte am Freitagmorgen eine Rakete über Japan hinweg in den Pazifik abgefeuert. Die Rakete flog nach Angaben des südkoreanischen Militärs 3700 Kilometer weit – die bisher grösste Flugdistanz beim Test einer militärischen Rakete des Landes.


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