Konfrontation der Grossmächte: Donald Trump kündigt Angriff auf Syrien an

NERVENKRIEG ⋅ Die geopolitische Lage in Syrien ist höchst unübersichtlich. Klar ist einzig: Verschiedene Regional- und Grossmächte verfolgen waffenstarrend unterschiedliche Ziele. Eine Einordnung unseres Nahost-Korrespondenten.
12. April 2018, 05:00

Michael Wrase, Beirut

US-Präsident Donald Trump hat nach dem mutmasslichen Giftgasangriff im syrischen Douma die russische Regierung aufgefordert, sich auf Raketenangriffe in dem Bürgerkriegsland einzustellen. Moskau dürfe nicht länger «Partner eines mit Gas tötenden Tieres» sein. Gemeint ist der syrische Präsident Assad, der in den Augen von Trump für die ­Giftgasangriffe verantwortlich war. Eine geplante Untersuchung der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) will der Amerikaner offenbar nicht abwarten.

Russland: Eine Inszenierung der Rebellen

Aus russischer Sicht war die Chemie­waffenattacke eine «Inszenierung der Rebellen», um so den USA den Vorwand für eine Intervention in Syrien zu liefern. Moskau will in diesem Fall «sofort reagieren». Amerikanische Raketen würden über dem syrischen Hoheitsgebiet abgefangen. Schon bald könnte sich die Welt «an der Schwelle von sehr traurigen und ernsten Ereignissen wiederfinden», warnte der russische UNO-Botschafter Wassili Nebensja bereits am Dienstag.

Welche Ziele verfolgen die Konfliktparteien in Syrien, zu denen neben den USA, Russland auch der Iran, Saudi-Arabien, Israel sowie die Türkei gehören, was sind ihre Motivationen und «Erfolgsaussichten» im Falle einer offenbar unvermeidlichen Militäreskalation?

USA ringen um Einfluss

US-Präsident Donald Trump will in Syrien noch einmal «Stärke» zeigen, nachdem er erst vor zwei Wochen den Abzug der 2500 US-Soldaten aus dem Bürgerkriegsland angekündigt hatte. Die entsetzlichen Bilder aus Douma sind für den Amerikaner ein starkes Motiv zum Handeln. Für Trump ist nicht nur Assad der Schuldige. Auch Iran und Russland müssen aus seiner Sicht zur Rechenschaft ­gezogen werden. Der unberechenbare Chef im Weissen Haus möchte nicht als «Zauderer» oder «Schwächling», wie er seinen Amtsvorgänger Obama verunglimpfte, in die Geschichte eingehen.

Trump sollte sich allerdings im Klaren darüber sein, dass neuerliche Raketenangriffe gegen Syrien den Kriegsverlauf in dem Bürgerkriegsland nicht verändern werden. Den Stellvertreterkrieg um Syrien haben die USA nämlich längst verloren, ihr Kriegsziel, den Sturz des ­Assad-Regimes, auch nach mehr als sieben Kriegsjahren nicht erreicht. Trotzdem ist das Risiko einer militärischen Konfrontation mit Russland jetzt hoch.

Seit Tagen warnen russische Regierungsmitglieder und Diplomaten davor, dass man auf amerikanische Militärschläge in jedem Fall reagieren werde. Drohungen, wie die des russischen UNO-Botschafters Nebensja dürfen nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Ob zu Recht oder Unrecht, betrachtet Moskau die Giftgasangriffe in der Stadt Duma als «Inszenierung», als eine Art Steilvorlage für westliche Militärinterventionen in Syrien.

Russland deckt Baschar al-Assad

Seit mehr als 40 Jahren unterhält Russland Militärbasen in Syrien. Als im Juni 2015 die syrische Armee gegen die von den arabischen Golfstaaten unterstützten islamistischen Rebellen in die Defensive geriet, schickte Putin seine Luftwaffe in das Bürgerkriegsland und rettete mit dieser Intervention das angeschlagene Assad-Regime. Damit war auch die russische Militärpräsenz an der strategisch immens wichtigen syrischen Mittelmeerküste langfristig gesichert.

Im Kampf um sein Überleben hat das Regime von Baschar al-Assad schlimmste Verbrechen verübt, welche von Russland gedeckt wurden. Abzuwarten bleibt, auch nach den Ankündigungen von Donald Trump, ob die Assad-Armee tatsächlich für die Giftgasangriffe in Duma verantwortlich war. Denn militärisch bestand dazu keine Notwendigkeit: Die Rebellen hatten bereits mehr als 90 Prozent des Territoriums, das sie in Ost-Ghuta kontrollierten, verloren, ihre Kapitulation ausgehandelt und mit ihrem Abzug begonnen, als es zum Einsatz von Chlorgas kam. Zuzutrauen wäre dem Assad-Regime ein solcher Einsatz sicherlich. Den letzten Widerstand der «Armee des Islam», der ebenfalls zahlreiche Kriegsverbrechen angelastet werden, hätten die Assad-Truppen aber auch mit konventionellen Waffen niederschlagen können.

Für das Assad-Regime ist der «Sieg» in Ost-Ghuta der grösste militärische Erfolg seit der Rückeroberung von Aleppo im Dezember 2015. Die östlichen Vorstädte von Damaskus waren mit bis zu 30 Kilometer langen Tunnels, in denen sogar kleine Panzer fahren konnten, zu einer gewaltigen militärischen Festung ausgebaut worden: Ost-Ghouta sollte «das Sprungbrett» in die syrische Hauptstadt sein. Strategisches Ziel der islamistischen Rebellen war der «Regime Change» in Damaskus, also der Regierungswechsel, der nach dem Verlust ihrer letzten grossen Bastion in Syrien sobald nicht mehr möglich ist.

Strategische Niederlage für Saudi-Arabien

Das wissen sowohl die USA als auch die arabischen Golfstaaten, die mit Milliardenbeträgen die Rebellen unterstützt ­haben. Ihr Abzug aus Ost-Ghuta ist vor allem für Saudi-Arabien, dem grössten Geldgeber der «Armee des Islam», eine schwere, strategische Niederlage. Für Russland und den Iran, der mit Tausenden von eigenen Soldaten sowie mit dem Einsatz schiitischer Milizen aus dem ­Libanon, dem Irak und Afghanistan das ­Assad-Regime stützt, bedeutet der «Sieg» in Ost-Ghuta dagegen die Konsolidierung ihrer militärischen Präsenz sowie eine willkommene Atempause. Schliesslich haben fast 40000 Rebellen die östlichen Vororte von Damaskus verlassen.

Dass man sich in den USA – und auch in Israel – eine völlig andere Entwicklung gewünscht hätte, liegt auf der Hand: Mit Russland unterhält der jüdische Staat ­diplomatische Beziehungen, er soll ­diverse rote Linien mit den Offizieren der Putin-Armee gezogen haben. Den bis an den Fuss der Golanhöhen vorgerückten Iran betrachtet man dagegen als strategische Bedrohung. Von US-Präsident Donald Trump hat Israel «grünes Licht» erhalten, in Syrien gegen den ­iranischen Erzfeind zu intervenieren. Eine neue Eskalation ist damit programmiert.

Das gilt auch für Nordsyrien, wo der Nato-Partner Türkei auf den Widerstand der Nato-Grossmacht USA stossen wird, falls Ankara weiterhin darauf besteht, ihre völkerrechtswidrige «Sicherheitszone» in den syrischen Kurdengebieten zu erweitern.


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