«Kotzbrocken» gegen «Mafiaboss»

USA ⋅ James Comey meldet sich zurück. Der im Frühjahr 2017 entlassene FBI-Direktor greift in einem Buch den Präsidenten mit scharfen Worten an und provoziert damit Donald Trump.
14. April 2018, 07:18

Renzo Ruf, Washington

Die Antwort liess nicht lange auf sich warten. Kaum hatte der Fernsehsender ABC gestern Morgen Auszüge eines mit Spannung erwarteten Interviews mit dem ehemaligen FBI-Direktor James Comey ausgestrahlt, meldete sich Präsident Donald Trump auf Twitter zu Wort. Comey sei ein «Kotzbrocken» («slime ball»), ein Schwächling, ein Lügner, ein Geheimnisverräter und er habe als Chef der Bundespolizei eine «furchtbare» Arbeit geleistet. Fazit der Tirade: «Es war eine grosse Ehre für mich, dass ich James Comey feuern konnte!»

Es ist anzunehmen, dass es in den nächsten Tagen nicht bei diesem virtuellen Wutausbruch bleiben wird. Denn spätestens bis zur Publikation seines Erinnerungsbuches am Dienstag, das unter dem Titel «Grösser als das Amt» auch in einer deutschen Übersetzung veröffentlicht wird, gibt es am ehemaligen Bundespolizisten kein Vorbeikommen. Der 57-jährige Comey, der nach eigenen Angaben derzeit «unterbeschäftigt» ist, hat eine ausführliche Tour durch Fernsehstudios und Versammlungslokale geplant, um über seine Erfahrungen als FBI-Direktor unter den Präsidenten Obama und Trump zu sprechen.

«Unethisches» Handeln des Präsidenten

Und allem Anschein nach wird Comey während dieses medialen Blitzkrieges aus seinem Herzen keine Mördergrube machen. Erste Rezensionen seines Buches, publiziert in der «Washington Post» und in der «New York Times», erwähnen die klaren Worte, mit denen er den Präsidenten angreift: Trump handle «unethisch» und lasse sich bei der Regierungsarbeit nicht durch die Wahrheit oder durch «institutionelle Normen» bremsen. «Sein Führungsstil ist transaktionsbezogen, egogesteuert und basiert auf persönlicher Loyalität», schreibt Comey. Am besten, so sagt der ehemalige FBI-Direktor, lasse sich Trump deshalb mit einem Mafiaboss vergleichen – einem Männertyp, mit dem sich Comey auskennt, ging er doch als New Yorker Staatsanwalt gegen die Gambino-Familie vor.

Auch geht Comey ausführlich auf die Obsession des Präsidenten mit dem umstrittenen «Steele-Dossier» ein. Dabei handelt es sich um eine Reihe von Memoranden, die der ehemalige britische Geheimdienstagent Christopher Steele im Wahlkampf 2016 über mögliche Verbindungen zwischen dem Trump-Wahlkampfstab und dem Kreml erstellte. Die wohl aussergewöhnlichste Behauptung des Dossiers betrifft einen Besuch Trumps in Moskau im Jahr 2013, während dem er sich in einem Hotel mit Prostituierten eingelassen habe. Comey hatte den neugewählten Präsidenten im Januar 2017 über diese Behauptungen persönlich informiert. Eine «wirklich seltsame» Unterredung, wie er im ABC-Interview sagte. Auffallend sei die «defensive» Reaktion Trumps gewesen, sagte Comey. Er habe gesagt: «Sehe ich wie ein Mann aus, der Prostituierte braucht?» Ausserdem habe er in der Folge mehrmals darauf verwiesen, wie seine Frau Melania unter den Gerüchten leide, dass er in solch schlüpfrige Angelegenheiten verwickelt gewesen sei. Angeblich, sagte der ehemalige FBI-Direktor, habe sich Melania von Donald nur zu 99 Prozent davon überzeugen lassen, dass die Geschichte nicht stimme. Deshalb verlangte der Präsident von Comey, dass er Ermittlungen aufnehme und ihn quasi offiziell freispreche.

Erklärung für E-Mail-Affäre

In seinem Buch geht Comey auch auf den Vorwurf ein, er habe mit seinen aggressiven Ermittlungen gegen die Demokratin Hillary Clinton den Ausgang der Präsidentenwahl beeinflusst. Er räumt etwas verschwurbelt ein, er habe sich wohl bei seiner Intervention kurz vor dem Wahltag im November 2016 – als er plötzlich bekanntgab, dass im Zusammenhang mit der E-Mail-Affäre auf einem Laptop des damaligen Gatten der Clinton-Beraterin Huma Abedin neue Beweisstücke aufgetaucht seien – von Meinungsumfragen leiten lassen. Er habe verhindern wollen, schreibt Comey, dass Clinton ihr Amt als «illegitime Präsidentin» antreten würde. Bekanntlich kam es dann anders. Und dies tue ihm leid. Comey: «Es ist bedauernswert, dass es mir nicht gelungen ist, ihr und ihren Unterstützern zu erklären, warum ich die Entscheidungen gefällt habe, die ich gefällt habe.»


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