Krieg gegen die Armen in Rio

BRASILIEN ⋅ Es war ein vielversprechendes Projekt. Speziell ausgebildete Polizisten sollten für Ruhe in den Favelas von Rio de Janeiro sorgen. Ein Jahr nach den Olympischen Spielen ist die Situation noch viel schlimmer als zuvor.
08. Oktober 2017, 08:27

Christine Wollowski

Daniella Gonzo Carlos hatte an die Wende geglaubt. Die 25-Jährige hatte in der Favela Cidade de Deus im Westen von Rio de Janeiro eine Boutique aufgemacht. Mit einem Schaufenster, genau gegenüber dem einstigen Drogenumschlagplatz. «Ich schlafe gut dabei», hat sie gesagt. Das war im Jahr 2010.

Damals lief das Projekt der Befriedungspolizei in einigen ­Favelas von Rio seit zwei Jahren, und es gab allen Grund zu Zuversicht. Statistiken verzeichneten in Favelas mit Polizisten der Unidade de Polícia Pacificadora (UPP) weniger Schiessereien und mehr Geschäftseröffnungen. Der Sicherheitschef von Rio de Janeiro, José Beltrame, wurde von Gouverneur Sergio Cabral unterstützt, bekam sogar Bundesgelder zugewiesen. Durch ständige friedliche Polizeipräsenz sollten immer mehr Slums dem Würgegriff der Drogengangs entzogen werden. Skeptiker prophezeiten: «Das ist nur ein Make-up für die Grossevents, nach Olympia ist wieder alles beim Alten.»

Polizisten in Zivil üben Terror aus

Tatsächlich ist ein Jahr nach Olympia nicht wieder alles beim Alten, sondern noch viel schlimmer. Ausgerechnet am Jahrestag der Eröffnung der Spiele fand eine konzentrierte Militäraktion in sechs Favelas statt, wo Fraktionen der Drogenmafia die Macht entweder nie abgegeben oder in der Zwischenzeit wieder übernommen haben. In immer mehr Armenvierteln üben Milizen wieder Terror aus – und sie setzen sich immer stärker aus Polizisten in Zivil zusammen.

Der Grund dafür ist in der prekären finanziellen Situation Rios zu suchen. Der Staat, weit entfernt davon, die Kontrolle über die Armenviertel auszuüben, ist bankrott. In Spitälern fehlen Ärzte und Medikamente, in Schulen das Lehrmaterial. ­Viele Staatsangestellte, darunter Polizisten, bekommen weder die Überstunden noch den Dreizehnten ausbezahlt. Ein Drittel der 10 000 in UPP-Gebieten beschäftigten Polizisten soll demnächst eingespart werden.

Die als friedlich und kooperativ gedachte Polizeipräsenz in den Favelas hat in der Praxis ohnehin nie so funktioniert, wie es vorgesehen war. Vorgesehen waren speziell ausgebildete Polizisten, die den Kontakt zu den Bewohnern suchen. Versprochen waren Sozialprojekte. Beides erwies sich als Trugschluss.

Jugend in den Favelas braucht neues Männerbild

«Die Pleite des Grossunternehmers Eike Battista hat das Projekt enorm geschwächt», erklärt der Soziologe Livio Santos de Oli­veira. «Battista wollte jährlich 20 Millionen Reais in UPP stecken (umgerechnet 6 Millionen Franken; Anm. d. Redaktion). Ausserdem gab es Probleme mit dem Verlust der Glaubwür­digkeit, nachdem in diversen Fällen UPP-Polizisten mit dem Tod von Zivilisten in Verbindung gebracht wurden.» Umsonst war das Projekt laut Alba Zaluar nicht: «Die UPP haben eine Wirkung gezeigt, wenn auch nur kurz», sagt die Anthropologin, die seit fast vierzig Jahren das Phänomen der Gewalt in Brasilien untersucht. Aber, so schiebt sie nach, das Problem lasse sich nicht damit lösen, indem Jagd auf einzelne Drogenhändler gemacht werde: «Wir brauchen gross angelegte Untersuchungen! Wir wissen nichts über dieses riesige Netz der Drogenmafia – wir wissen nicht, wer mit wem paktiert oder welche Verbindungen zur kolumbianischen Farc und zur italienischen Mafia bestehen», gibt sie zu bedenken.

Ausserdem muss laut Zaluar der Jugend in den Favelas ein neues Männerbild nähergebracht werden: «Wir müssen den Jungen klarmachen, dass Mann-Sein nicht bedeutet, eine Waffe am Gürtel zu tragen und wild um sich zu schiessen – wie es leider häufig auch die Polizei tut», betont sie.

Heute sind gewalttätige Auseinandersetzungen längst wieder an der Tagesordnung: Jeden Tag bleiben mindestens 20 Schulen wegen Schusswechseln geschlossen. Jeden zweiten Tag stirbt dabei ein Polizist, und täglich kommen wegen Polizisten Menschen um, wie die Zeitung «Folha de Sao Paulo» berichtet. Opfer werden immer wieder Unschuldige wie Kinder, die in der Schule ­waren oder auf dem Heimweg.

Auch wenn sich vor allem Rios Mittelschicht lautstark über die mangelnde Sicherheit der Stadt beklagt. Tatsache ist, dass vor allem überwiegend junge, arme, schwarze Männer in den Slums betroffen sind. Nicht immer im Drogenkrieg, oft durch Querschläger oder Kugeln aus Polizeiwaffen. Offiziell lautet die Erklärung in solchen Fällen: Notwehr. Noch in den 1990er-Jahren hatte ein Gouverneur den Beamten eine «Wildwest»-Prämie gezahlt, wenn sie beim Einsatz in Slums möglichst viele Menschen töteten. «Unter dem Deckmantel der öffentlichen Sicherheit geschieht hier ein Genozid», sagte die Vorsitzende des Dachverbands der Favela-Bewohner von Rio der Tageszeitung «Estadao».

Wegen der Gewalt schliessen reihenweise Geschäfte

Der Versuch, mittels Polizeigewalt Frieden in die Stadt zu bringen, ist in Rio gescheitert. «Die Beziehung zwischen Militärpolizei und den Armen ist in Brasilien traditionell von Gewalt geprägt. Teile der Mittelschicht finden Gewalt durchaus akzeptabel, solange sie für ihre eigenen Interessen eingesetzt wird», sagt der Soziologe De Oliveira. «Es reicht nicht, eine neue Polizei für die Favelas zu schaffen, wir brauchen eine neue Polizei für die ganze Gesellschaft – und dafür müssen wir die Gesellschaft selbst verändern.»

Solange diese Wende nicht kommt, schliessen in Rio reihenweise die Geschäfte, mehr als 700 allein im Januar 2017. Auch die Boutique von Danielle Gonzo Carlos gibt es nicht mehr.

Über 750 Favelas allein in Rio

Armenviertel Ihre Bezeichnung verdanken die Armenviertel Brasiliens einer Kletterpflanze: Die Favela schlingt gleich wie die ­Armenviertel die Hänge hoch. Seit über 100 Jahren errichten Menschen vor allem aus den ländlichen Gebieten an den Stadträndern illegale Siedlungen, weil sie sich eine herkömmliche Wohnung nicht leisten können.

In Rio de Janeiro gibt es gut 750 solcher Favelas. Wie viele Menschen in den Armensiedlungen leben, weiss niemand so genau. Schätzungen zufolge soll fast die Hälfte der Bevölkerung Rios in Favelas leben. Die Favela Rocinha ist mit schätzungsweise 150 000 Einwohnern nicht nur die grösste Rios, sondern von ganz Lateinamerika. (bu)

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