«Linke Mitte» sucht Anti-Tsipras

GRIECHENLAND ⋅ Fofi Gennimata ist zuversichtlich: «Gemeinsam werden wir es schaffen», rief die Vorsitzende der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok) am Dienstagabend ihren Anhängern zu. Die Jugendorganisation der Pasok feierte im «Socialista», einem angesagten Klub im Athener Szeneviertel Gazi. Es war eine Art vorgezogene Wahlparty: Am Sonntag tritt Gennimata als eine von neun Kandidaten zur Urwahl für den Vorsitz einer neuen politischen Partei an.
09. November 2017, 07:47

Einen Namen hat die Gruppierung noch nicht. Sie firmiert einstweilen unter dem Arbeitstitel «Linke Mitte» und will sich als dritte politische Kraft zwischen dem regierenden Linksbündnis Syriza und der oppositionellen konservativen Nea Dimokratia (ND) positionieren. Um das zu schaffen, muss die neue Partei vor allem unzufriedene Syriza-Wähler gewinnen. Gesucht wird als Parteichef also ein Anti-Tsipras. Gennimata gehört zum Kreis der Favoriten für den Vorsitz der neuen Bewegung, die sich im Juni aus mehreren sozialistischen und sozialdemokratischen Splitterparteien bildete.

Mangelnde Geschlossenheit

Den Kern bildet die Pasok. Sie hofft in der neuen Formation auf ein politisches Comeback. Vier der neun Kandidaten für den Vorsitz kommen aus deren Reihen. Die grosse Zahl der Bewerber zeigt allerdings auch, dass die neue Bewegung von Geschlossenheit noch weit entfernt ist. Bestimmt wird der oder die Vorsitzende in einer Urwahl. In 982 Wahllokalen dürfen am Sonntag alle wahlberechtigten Griechen abstimmen. Weil im ersten Durchgang wohl keiner der Kandidaten die erforderliche absolute Mehrheit erreichen wird, gehen die beiden führenden Bewerber am Sonntag darauf in eine Stichwahl.

In der Partei hofft man, dass mindestens 200000 zu den Urnen kommen. An der Wahlbeteiligung wird sich zeigen, ob die neue Gruppierung überhaupt eine Chance hat. Egal, wer den Vorsitz übernimmt: Die neue Partei dürfte es nicht leicht haben. Dass sie an die grosse Ära der Pasok in den 80er- und 90er-Jahren anknüpft, erscheint ausgeschlossen. Gemäss Umfragen kommt man gerade mal auf 10 Prozent. Und das Wachstumspotenzial ist begrenzt: Das Tsipras-Bündnis Syriza bewegt sich von einer radikalen linken Bewegung immer mehr in Richtung Sozialdemokratie. Und unter dem liberalen Reformer Kyriakos Mitsotakis öffnet sich zugleich die konservative Nea Dimokratia weiter zur politischen Mitte. Die Partei ohne Namen läuft Gefahr, zwischen diesen beiden Polen zerrieben zu werden.

Gerd Höhler, Athen


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