Londons Grenfell-Trauma

HOCHHAUSBRAND ⋅ Eine richterliche Untersuchung soll den Ursachen der Brandkatastrophe von Kensington auf den Grund gehen. Viele Betroffene und Beobachter halten eine derartige Prüfung für verfrüht.
15. September 2017, 07:58

Sebastian Borger, London

Diebstähle untersucht die Londoner Polizei selten sonderlich genau. Ein am vergangenen Freitag im Stadtbezirk Kensington gemeldetes Delikt aber beschäftigt die Kripo intensiv – des Tatorts wegen: Ausgerechnet aus einer Wohnung des teilweise ausgebrannten Grenfell-Towers sei «eine gewisse Summe Geld» verschwunden, gab die Behörde kleinlaut bekannt. Eine «groteske Straftat», wie der Labour-Abgeordnete David Lammy sogleich empört kommentierte und die Frage anschloss: «Wie gut ist der Tatort gesichert?»

Eigentlich gar nicht schlecht, so jedenfalls der Augenschein: Eine hohe Metallmauer umgibt inzwischen den schwarz in den Himmel ragenden, kilometerweit sichtbaren Wohnblock, in dessen Flammeninferno vor drei Monaten mindestens 80 Menschen verbrannten oder erstickten. Weil vielen Bewohnern in den oberen Stockwerken die Flucht abgeschnitten war, stürzten sich auch einige in den Tod. Noch bis Jahresende bleiben die Brandermittler vor Ort, noch immer werden sterbliche Überreste aus dem Massengrab – die Anwohner nennen es «das Krematorium» – geborgen. Was die Überlebenden aus dem Tower selbst sowie die Anwohner, deren Wohnungen teils ebenfalls durch Rauch und fallende Trümmer unbewohnbar wurden, an Bildern aus jener Juni-Nacht mit sich herumtragen, könne man sich kaum vorstellen, glaubt der anglikanische Ortspfarrer Alan Everett. «Die Leute schlagen sich mit Erinnerungen herum, die sie nicht vergessen können. Das ist eine tiefsitzende Beschädigung.»

Überstürzte Ankündigung der Premierministerin

Die Anwältin Victoria Vasey vom kostenlosen Rechtsberatungszentrum NKLC weiss von früheren Bewohnern, die bis heute übergangsweise in Hotelzimmern hausen und diese nicht verlassen. «So traumatisiert sind sie.» Dass gestern eine öffentliche Untersuchung der Ereignisse vom 14. Juni und deren Vorgeschichte begann, hält Vasey deshalb wie viele Betroffene und professionelle Beobachter für verfrüht. Überstürzt hatte Premierministerin Theresa May die unabhängige Prüfung angeordnet und als deren Leiter Martin Moore-Bick eingesetzt. In einem Zentral-Londoner Konferenzzentrum wird der pensionierte Richter am Appellationsgericht zum Auftakt seine Mission erläutern: Zu klären, was genau zu dem katastrophalen Brand führte und warum so viele Menschen ihr Leben lassen mussten; der Regierung möglichst rasch Vorschläge zu machen, wie ähnliche Infernos in Zukunft verhindert werden können.

Moore-Bick dürfte in gesetzten Worten wiederholen, was er den traumatisierten Anwohnern bei seinen ersten Begegnungen in schöner, allerdings wenig diplomatischer Offenheit verkündete: «Ich kann Ihnen nicht geben, was Sie wollen.» Was sich viele Grenfell-Opfer wünschen, ist zuallererst eine gerechte Bestrafung der Täter, Anklagen wegen Totschlags oder wenigstens wegen fahrlässiger Tötung.

Aber gegen wen? Den mittlerweile zurückgetretenen Leiter des seit Jahrzehnten konservativ regierten Bezirks Kensington? Den Direktor der quasi-privaten Wohnungsverwaltung, mit der sich die Bezirksregierung das leidige Problem der Sozialwohnungen vom Hals zu halten versuchte? Die Handwerker, welche die Verkleidung aus Polyäthylen und Aluminium so einbauten, dass der Brand eines Kühlschranks im vierten Stock rasend schnell das gesamte Gebäude in Flammen hüllen konnte? Oder die Inspektoren, die den Pfusch am Bau erst vor Jahresfrist abnahmen? Es werde am Ende zu keinen Verurteilungen kommen, prophezeit der langjährige BBC-Rechtsexperte Joshua Rozenberg und sorgt damit für lange Gesichter bei einer Veranstaltung des unabhängigen Thinktanks IFG.

Tiefer Graben zwischen Opfern und Behörden

Die Möglichkeit will Opferanwältin Vasey nicht ausschliessen, aber: «Das ist noch lange kein Grund, die Ermittlungen der Kripo einzustellen.» Nicht zuletzt hätte dies, da sind sich die Fachleute einig, einen verheerenden Effekt auf die ohnehin heiklen, von tiefer Verbitterung geprägten Beziehungen zwischen den Grenfell-Opfern und den Behörden. Jahrelang hatten die Bewohner des Wohnturms auf Baumängel hingewiesen, das Fehlen von Sprinklern beklagt (lediglich 2 Prozent aller Sozialwohnungsblocks in England sind damit ausgerüstet), den Mangel an Fluchtwegen angeprangert. Aber es geschah nichts.

Unterdessen werden in Kensington und in anderen sogenannten Alphavierteln Londons immer neue Luxuswohnblöcke hochgezogen – Kapitalanlagen für Investoren aus Russland, dem Nahen Osten, China und Grossbritannien. Ganze Wohngebiete hätten sich «im letzten Jahrzehnt bis zur Unkenntlichkeit verändert», berichtet Architekturprofessorin Anna Minton von der Uni Ost-London. Dafür aber, so viel steht fest, wird bei der Grenfell-Untersuchung niemand zur Rechenschaft gezogen.

Vielleicht fasst die Kripo ja wenigstens den Langfinger in den eigenen Reihen.


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