Macron fällt aus der Rolle

FRANKREICH ⋅ Mit arroganten Sprüchen macht sich Präsident Emmanuel Macron bei Armen und Arbeitern unbeliebt. Schaden nimmt dadurch sein ganzer Reformkurs.
07. Oktober 2017, 05:00

Stefan Brändle, Paris

 

Die Franzosen meinten, einen charmanten, eleganten Jungmann ins Elysée entsandt zu haben. Doch was Emmanuel Macron der Nation verbal zumutet, gehört eher in die Sparte starker Tobak. Diese Woche erklärte er in der Nähe einer Fabrik, deren entlassungsbedrohte Arbeiter streiken: «Statt ein Schlamassel anzurichten, täten sie besser daran, Arbeit zu suchen.»

Wobei «Schlamassel» noch vornehm übersetzt ist: «Foutre le bordel» beinhaltet zwei Schimpfwörter, die zwar dem Volksmund entstammen, aber nicht gerade zum Vokabular eines franzö­sischen Präsidenten gehören. ­Macron ist nicht bei seinem ersten Ausrutscher dieser Art. Im September hatte er die Gegner seiner Arbeitsmarktreform bereits als «Faulpelze» bezeichnet.

Franzosen zeigen sich «schockiert»

Die ganze Arroganz der Pariser Eliten drückte er zudem in einem Satz einer ansonsten belanglosen Rede aus: «In einem Bahnhof kreuzt man Leute, die Erfolg haben, und andere, die nichts sind.» Bei einem Besuch in einem Schlachthof meinte der Regierungsvertreter aus Paris von den Arbeiterinnen, sie seien ja vielfach «Analphabetinnen». Der jüngste Spruch bewirkt denn auch geharnischte Reaktionen. Der Sozialist Olivier Faure schüttelt über die «soziale Geringschätzung» den Kopf, der Konservative Christian Jacob über die «Provokation eines verwöhnten Kindes, das nicht die geringste Kritik erträgt». Die Zeitung «Libération» bezeichnete Macron gestern in ihrem Haupttitel als «Sarkozys verborgenen Sohn». Damit spielte sie auf einen Spruch des Ex-Präsidenten an, der einem unliebsamen Passanten 2008 zugeraunt hatte: «Hau ab, armer Trottel.» Macron ist nicht so ausfällig geworden – dafür haben seine Sprüche offensichtlich System.

Einem Staatschef lassen die Franzosen das nicht durch. Deren 57 Prozent bezeichneten sich am Freitag in einer Blitzumfrage als «schockiert». Dass sie den Bordell-Ausdruck im Alltag selber benützen, ändert nichts daran: Ein französischer Präsident hat ein Literat zu sein, der gehaltvolle Bücher schreibt, und kein stilloser Sprücheklopfer, der sich über seine Bürger enerviert. Und schon gar nicht aus elitärem Dünkel, wie er bei dem Eliteschulabgänger Macron durchschimmert.

Präsident plant Abschaffung der Vermögenssteuer

Gravierend ist die verbale Entgleisung, weil sie nun im aktuellen Kontext eine sehr politische Dimension erhält. Seit Tagen schimpft die Linke über den «Präsidenten der Reichen». Der Grund ist die geplante Abschaffung der Vermögenssteuer. Macron will dadurch Kapitalvermögen entlasten und erreichen, dass es in die Wirtschaft investiert wird; hoch bliebe hingegen der unproduktive Immobilienbesitz besteuert. Ökonomisch macht diese Absicht durchaus Sinn: Nach Berechnungen des Rechnungshofes könnten Tausende französischer Grossverdiener in ihr Heimatland zurückkehren, wenn die Reichensteuer durch eine Immobiliensteuer ersetzt würde. Das würde mehr Geld in die Staatskasse spielen als die ­ in Europa fast einzigartige Ver­mögenssteuer. Politisch ist das Unternehmen aber gewagt, da diese von der Linken eingeführte Steuer im Land der «égalité» (Gleichheit) einen hohen Symbolwert hat. Mit seinen hochmütigen Sprüchen liefert Macron der Opposition billige Munition gegen seinen Reformkurs. Der Links­abgeordnete François Ruffin meinte, der Staatschef sei ein «umgekehrter Robin Hood», der den Armen nehme, um den Reichen zu geben. Solche Aussagen fallen, auch wenn sie objektiv kaum zutreffen, in Frankreich auf fruchtbaren Boden. Damit vermögen sie dem politischen Widerstand, den Macron besiegt geglaubt hatte, Flügel zu verleihen.

Als Konzession lässt Macron durch Regierungsstellen ankündigen, er wolle Jachten, Goldbarren, Rennpferde und Privatjets weiterhin besteuern. Was von der Vermögenssteuer aufgehoben würde, bleibt damit unklar. Damit verstärkt der Präsident aber nur selbst das politische Schlamassel oder, wie man in Frankreich eben sagen würde, «le bordel».


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