Ein Toter und über 950 Verletzte in Gaza

NAHOST ⋅ Bei neuen Massenprotesten an Israels Grenze zum Gazastreifen sind am Freitag ein Palästinenser getötet und mehr als 950 verletzt worden. Ein 28-Jähriger sei an einer Schusswunde im Bauch gestorben, teilte das palästinensische Gesundheitsministerium mit.
Aktualisiert: 
13.04.2018, 20:12
13. April 2018, 14:38

Die meisten der Verletzten litten den Angaben zufolge nach dem Einsatz von Tränengas an Atembeschwerden. Ein Sanitäterzelt sei direkt von einer Tränengasgranate getroffen worden, zehn Sanitäter hätten mit Atembeschwerden zu kämpfen gehabt.

Rund 200 Palästinenser wurden den Angaben zufolge durch Schüsse verletzt. Unter den Palästinensern mit Schussverletzungen befanden sich nach Angaben der palästinensischen Journalistengewerkschaft auch zwei Journalisten.

Tausende Demonstranten versammelten sich bereits vor dem Freitagsgebet an mehreren Orten entlang der Grenze, später stieg ihre Zahl nach Angaben der israelischen Armee auf 10'000 an.

"Recht auf Rückkehr"

Anlass des "Marsches der Rückkehr", der bis Mitte Mai dauern soll, sind die Feiern zum 70. Jahrestag der Gründung Israels. Für die Palästinenser bedeutet Israels Freudentag eine Katastrophe, weil 1948 Hunderttausende Palästinenser fliehen mussten oder vertrieben wurden. Forderungen der heute rund fünf Millionen Flüchtlinge und Nachkommen auf ein "Recht auf Rückkehr" auf israelisches Staatsgebiet lehnt Israel ab.

Am Freitag der vergangenen Woche nahmen 20'000 Menschen an den Protesten teil. Damals war der 30-jährige Journalist Jasser Murtadscha von israelischen Schüssen getroffen worden, während er östlich von Chan Junis Fotos von den Protesten machte.

Laut Zeugenaussagen trug er eine Weste, die ihn eindeutig als Journalist auswies. Die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) warf der israelischen Armee einen gezielten Beschuss des Journalisten vor.

Kleinere gewaltsame Auseinandersetzungen

An diesem Freitagvormittag kam es zu kleineren gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen israelischen Soldaten und Steine werfenden Palästinensern.

Die Demonstranten schwenkten nach Angaben der israelischen Armee Palästinenserflaggen, verbrannten Reifen und israelische Fahnen. Es habe mehrere Versuche gegeben, die Grenzanlage zu beschädigen oder durchbrechen. Palästinenser hätten auch Brandsätze geworfen.

Die im Gazastreifen herrschende Hamas schicke Leute, um den Grenzzaun zu demolieren, eine zweite Welle von Hamas-Aktivisten versuche dann, nach Israel vorzudringen, sagte Israels Armeesprecher Jonathan Conricus. Man bemühe sich, die Opferzahlen möglichst gering zu halten. "Aber wir können es einer Horde von Randalierern nicht erlauben, nach Israel einzudringen."

Israel hat Vorwürfe von Menschenrechtsorganisationen, es gehe zu hart gegen die Palästinenserproteste vor, zurückgewiesen. Laut der Armee haben Soldaten Anweisungen, nur auf die Beine von Palästinensern zu schiessen, sofern der Grenzzaun beschädigt oder eigene Soldaten gefährdet werden. Israel hat die Bevölkerung im Gazastreifen immer wieder davor gewarnt, sich der Grenzanlage zu nähern.

Seit dem 30. März wurden mindestens 35 Palästinenser im besetzten Gazastreifen durch die israelische Armee getötet. Die meisten starben bei Protesten entlang der Grenze zu Israel.

"Scham und Trauer"

Fünf ehemalige israelische Scharfschützen drückten in einem offenen Brief "Scham und Trauer" über die Vorfälle an der Gaza-Grenze aus. Die Mitglieder der Organisation Breaking the Silence (Das Schweigen brechen) kritisierten in dem Schreiben "militärische Befehle, die es Scharfschützen erlauben, scharfe Munition auf unbewaffnete Demonstranten zu feuern".

Sie fühlten "Scham über die Befehle, denen es an moralischem und ethischem Urteilsvermögen mangelt, und Trauer über die jungen Soldaten, die - wie wir sehr gut aus eigener Erfahrung wissen - für immer die Szenen mit sich herumtragen werden, die sie durch das Visier ihrer Gewehre gesehen haben".

Ein ranghoher israelischer Militärangehöriger wies die Vorwürfe zurück. "Wir schiessen nur, wenn wir schiessen müssen", sagte er. Man unternehme alles, um Verletzungen und Todesfälle zu verhindern. "Es wird versucht, unsere Scharfschützen in Verruf zu bringen - unsere Scharfschützen sind grossartig." (sda/dpa/afp)


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