Mit Knüppeln ins Meer getrieben

JEMEN ⋅ Zehntausend Ostafrikaner erreichen jeden Monat das Bürgerkriegsland Jemen. Die Flucht über das Rote Meer wird von skrupellosen Schlepperbanden organisiert, über deren Verbrechen nur selten berichtet wird.
11. August 2017, 08:09

Michael Wrase, Limassol

Das «Tor der Tränen» nennen die Jemeniten die strategisch bedeutende Meerenge, die den Golf von Aden mit dem Roten Meer verbindet. Der Legende nach sollen dort bei einem schweren Erdbeben Zehntausende von Menschen ertrunken sein. Durch die Naturkatastrophe, heisst es, sei der afrikanische Kontinent von der Arabischen Halbinsel getrennt worden.

Der Schauplatz entsetzlicher Tragödien ist das «Tor der Tränen» bis heute geblieben. Tagtäglich bringen skrupellose Schlepperbanden afrikanische Flüchtlinge von der somalischen Küste in den nur 100 Kilometer entfernten Jemen. Was auf der gefährlichen Überfahrt in den überfüllten Holzbooten geschieht, wird nur selten berichtet. Wahllos schlagen die vom Whisky oder der Kaudroge Khat berauschten Kapitäne der Boote mit Holzknüppeln auf ihre Schutzbefohlenen ein, wenn diese ihre Anweisungen nicht befolgen oder es, wie zu Beginn dieser Woche, beim Aussteigen an der Küste der jemenitischen Rotmeerprovinz Schabwa zu Verzögerungen kommt.

«Aus Furcht, von Milizen aufgegriffen zu werden, stiessen die Schlepper mehr als 180 Flüchtlinge ins stürmische Meer», teilte gestern die Internationale Organisation für Migration (IOM) unter Berufung auf Augenzeugen mit. Mindestens 55 von ihnen, darunter viele Kinder, ertranken. Weitere 30 werden vermisst. Ihre Überlebenschancen sind gering.

Bereits der zweite Fall in dieser Woche

Bereits am Mittwoch hätten Menschenschmuggler 120 Menschen aus ihren Booten ins offene Meer getrieben. 50 seien ertrunken. Es könnte sich um den ­«Beginn eines neuen Trends» handeln, sagte IOM-Sprecherin Olivia Headon der Nachrichtenagentur Reuters. Die Schlepperbanden hätten mit ihrem entsetzlichen Verbrechen ihre Boote retten und durch das «Tor der Tränen» zurück nach Somalia fahren können, wo Tausende auf die Überfahrt in den Jemen warteten. Die meisten der Flüchtlinge gehören offenbar der äthiopischen Volksgruppe der Oromo an, gegen die die Regierung in Addis Abeba «gnadenlos» vorgeht.

Die grösste ethnische Gruppe in dem ostafrikanischen Land ist nach Erkenntnissen von Amnesty International willkürlichen Verhaftungen ausgesetzt. Es gebe Fälle von Folter und aussergerichtlichen Hinrichtungen. Wie verzweifelt die Oromo sein müssen, zeigt letztendlich auch ihre Bereitschaft, in ein Land zu flüchten, in dem seit mehr als zwei Jahren ein brutaler Bürgerkrieg tobt und mehr als 400 000 Menschen mit der Cholera infiziert sind.

Im Jemen sind 80 Prozent auf Hilfe angewiesen

111 500 afrikanische Flüchtlinge kamen 2016 in den Jemen. In den ersten sechs Monaten dieses Jahr waren es nach Schätzungen der UNO knapp 60 000. Die Heimatlosen hoffen auf Arbeit in Saudi-Arabien oder den Emiraten am Persischen Golf. Doch Flüchtlinge aus Bürgerkriegsstaaten sind dort unerwünscht. Das gilt für Syrien und den Irak sowie für Äthiopien, Somalia und den Jemen, in dem 80 Prozent der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen ist. Als «Gastarbeiter» auf der Arabischen Halbinsel verpflichtet werden vor allem Nichtmuslime aus Indien, Thailand und Sri Lanka. Jemeniten gelten als Unruhestifter, weshalb die meisten Einwohner des ärmsten Landes Arabiens lieber in ihrer zerbombten Heimat bleiben, als auf der Flucht ins Ungewisse zu sterben.

Allerdings ist auch die Leidensfähigkeit der Jemeniten begrenzt. Mehr als 5000 liessen sich 2016 von Menschenschmugglern nach Somaliland und Dschibuti bringen. Also genau in die entgegengesetzte Richtung der afrikanischen Flüchtlinge. Eine andere Flüchtlingsroute führt von der jemenitischen Küste über das Rote Meer in den Sudan – und von dort aus auf dem Landweg zur libyschen Mittelmeerküste.

Der Tod lauert auch auf dieser Route: Anfang März hatten saudische Apache-Kampfhubschrauber am «Tor der Tränen» ein Holzboot mit über 100 afrikanischen Flüchtlingen beschossen und versenkt. Bis zu 50 Menschen kamen bei dem von Menschenrechtsorganisationen als «Kriegsverbrechen» eingestuften Vorfall ums Leben. 80 konnten gerettet werden.


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