Mit Tram Nr. 3 ins dunkle Herz von Sarajevo

BALKAN ⋅ Der Bosnienkrieg endete vor 22 Jahren, und Sarajevo wurde aus der Belagerung befreit. Heute gibt es keine Scharfschützen und Mörserstellungen mehr in der Stadt. Und doch prägt die vierjährige ­Belagerung die Bewohnerinnen und Bewohner bis heute. In der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina lässt sich ein schwieriges Kapitel europäischer Geschichte erkunden.
10. September 2017, 05:03

 

Text Michael Hug

Gemächlich ruckelt das alte Tram Nr. 3 in der Mitte der «Ulica Zmaja od Bosne» («Strasse des bosnischen Drachens») in Richtung Zentrum. Die Städteplaner der jugoslawischen Ära dachten grosszügig und legten die Hauptverkehrsader gleich sechsspurig an. Heute ist Sarajevo eine der wenigen Hauptstädte Europas, in denen der Verkehr sich nicht nennenswert staut während der Rushhours. Bei der Planung weiterer Tramlinien aber haben die Stadtväter nach dem Zerfall Jugoslawiens eine Pause eingelegt. Die Linie Nr. 3 ist bis heute die einzige ge­blieben. Die fast zehn Kilometer lange Strasse und ihre Tramgleise in der Mitte führen einer Aorta gleich vom neuen, stark expandierenden Stadtteil Ilidža im Westen mitten in das Herz Sarajevos, die Bašcaršija.

«Sniper Alley» erlangte traurige Berühmtheit

Zwischen 1992 und 1996 aber stand der Verkehr auf Sarajevos Hauptverkehrsachse still. Gleichzeitig erlangte sie als «Sniper Alley» weltweite Berühmtheit. Snipers – Heckenschützen der Miliz­armee der selbst ernannten serbischen Republik in Bosnien – lauerten in den Hügeln rund um die Stadt und schossen auf alles, was sich bewegte. Innert der ersten zwei Jahre verloren 450 Menschen ihr Leben in der zehn Kilometer langen Todeszone, mehr als 3000 wurden ­verletzt. Im Laufe der Belagerung nahmen die serbischen Geschütze und ­Granatwerfer auch die Hochhäuser an der Ulica Zmaja od Bosne unter Beschuss. Wenn nachts in einem Fenster Licht brannte, wurde es sofort ins Visier genommen und beschossen. Die drei­einhalbjährige Belagerung Sarajevos ­forderte über 11 000 Tote und 56 000 Verletzte. Im Herbst 1995 erzwang die Nato im Abkommen von Dayton einen Waffen­stillstand, am 29. Februar 1996 erklärte die bosnische Regierung die ­Belagerung ihrer Hauptstadt offiziell als beendet.

Tourismus köchelt auf Sparflamme

Die Belagerung, die Olympischen Spiele, der Doppelmord am österreichischen Kronfolgerpaar 1914 – Sarajevo ist Brennpunkt europäischer Geschichte. Europa und die Welt machten dabei keine gute Figur, überliessen sie Sarajevo doch seinem Schicksal. Nach Sarajevo zu reisen, bedeutet, Geschichte erleben, bedeutet, sich mit der Vergangenheit zu konfrontieren («Dark Tourism», siehe Kasten). Bosniens Hauptstadt wartet nicht mit ­gewagten architektonischen Kunst­bauten auf, nicht mit grandiosen Sport-, Kunst- oder Kulturanlässen, nicht mit beeindruckenden Landschaften und ­Naturereignissen. Der Tourismus in ­Bosnien und Herzegowina köchelt auf spärlicher Flamme. Trotzdem erwarten den Gast eine zeitgemässe Hotellerie und Gastronomie bei sehr moderaten Preisen. Das altehrwürdige Tram Nr. 3 ist deshalb keineswegs Ausdruck von Stillstand oder gar Rückständigkeit, ­sondern Objekt im offenen Geschichtsbuch.

In die Geschichte eintauchen heisst Sarajevo auf seinen Strassen zu erkunden – am besten zu Fuss oder eben mit dem Tram. Parallel zu Tram und Hauptverkehrsader fliesst der Fluss Miljacka. Über ihn führen mehrere Brücken, auf zwei von ihnen lohnt es sich, innezuhalten. Auf der Brücke Vrbanja schossen im April 1992 serbische Heckenschützen aus einem Hinterhalt auf eine Demonstrationsgruppe und töteten zwei junge Studentinnen. Das Attentat löste die fast vierjährige Belagerung aus. Zwei Kilometer flussaufwärts, bei der «Latinska cuprija» (Lateinerbrücke), wurden 1914 die Thronfolger von Österreich-Ungarn, Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie Chotek erschossen. Auch dieses Attentat initiierte eine Katastrophe: den Ersten Weltkrieg. Ein Denkmal und ein Museum erinnern heute ­daran und auf der Vrbanjabrücke legen Menschen täglich frische Blumensträusse hin, um des heimtückischen Anschlags zu gedenken.

Auf der ehemaligen «Sniper Alley» weist nichts mehr auf die Zustände vor zwei Jahrzehnten hin. Doch beim Blick nach links und rechts fallen Wohnhochhäuser und Plattenbauten auf, die noch immer die Spuren der Projektile und Granaten aufweisen. Manches wurde – aus Geldmangel? Als Mahnmal? – noch immer nicht repariert. Die Privatwirtschaft, vorab Investoren aus dem ara­bischen Raum, hat schneller reagiert und neue Büro­türme und Einkaufszentren gebaut. Das Medienunternehmen Avaz hat mit dem 172 Meter hohen «Avaz Twist Tower» das höchste Gebäude Südosteuropas errichtet. Von seinem Café in der 35. Etage hat man einen imponie­renden Rundblick auf die Stadt und die beiden Olympiaberge Bjelašnica und ­Jahorina. Vom «verdrehten Turm», der den Namen seiner verdrehten ­Glas­fassade verdankt, bis ins Zentrum ist es etwas weit zu Fuss, doch die ­nächste Tramhaltestelle ist gleich um die Ecke.

Tram Nr. 3 macht eine Schlaufe rund um die osmanische Altstadt Bašcaršija und lässt die Passagiere unmittelbar beim Sebilj-Brunnen, dessen Ursprünge bis ins Jahr 1754 zurückreichen, aus­steigen. Das höchste Gebäude ist hier das Minarett der Cekrekcijina-Moschee. Darum herum ducken sich zahlreiche Kunsthandwerkerläden und orientalische Teestuben.

Sarajevos Wurzeln reichen tief in das osmanische Zeitalter ab 1463 zurück; «Saray» bedeutet auf Türkisch Palast. Doch immer lebten in Bosnien-Herzegowina auch Christen. Sarajewo und ­seine 600 000 Einwohnerinnen und Einwohner sind ein Spiegel der Multi­kulturalität und Multireligiösität des Landes: Nebst 51 Prozent Muslimen (Bosniaken) sind 31 Prozent orthodoxe Christen (Serben) und 15 Prozent Katholiken (Kroaten). Der Mix der Ethnien hat in der Vergangenheit zu manchem Zwist im Land geführt, aber in Sarajevo war er das Überlebensrezept. Man sass im selben Boot, zusammenhalten, sich beistehen, moralisch wie materiell, das half über die Belagerungsjahre. So harrten praktisch alle der damals 280 000 Einwohnenden bis zum Ende des Krieges in ihrer Stadt aus.


Leserkommentare

Anzeige: