Nordkorea – eine dauernde Provokation

KRISE ⋅ Atomdrohung und Isolation sollen der Kim-Clique das politische Überleben garantieren – Säbelrasseln und Triumphgeheul sind Teil dieses Spiels.
13. August 2017, 04:38

Angela Köhler

Aus heiterem Himmel regnet es über Seoul Tausende Fallschirmjäger. Gleichzeitig durchbrechen Panzer aus dem Norden die zwei Kilometer breite Grenzsperrung am 38. Breitengrad, rollen über die neutrale Zone vorbei an den amerikanischen und südkoreanischen Grenzposten. Wenige Stunden später ist die nur 50 Kilometer entfernte Hauptstadt des Südens fest in der Hand von nordkoreanischen Elitetruppen. Im Kasernenton verkündet ein Sprecher, dass bei dem Einmarsch 150 000 US-Bürger als Geiseln genommen wurden.

Das Szenario stammt aus dem Video «Ein kurzer dreitägiger Krieg», ein filmischer Kanonenschlag aus dem Arsenal der kommunistischen Propagandaabteilung in Pjöngjang. Das unerträgliche Machwerk der Verbalkrieger illustriert die Tagträume von Kim Jong Un, dem dritten Diktator der Kim-Dynastie. Auch wenn das Video unter normalen Umständen unseriös und realitätsfremd wirkt, die politische Absicht ist nicht zu unterschätzen. Seit Wochen droht das Regime Südkorea und den USA mit Krieg und atomarer Vernichtung.

Das Regime schreckt vor nichts zurück

Streng genommen war die Kim-Clique schon seit Kim Il Sung, der den blutigen Koreakrieg(1950–1953) vom Zaum gerissen hatte, ein unkalkulierbares Risiko. Man erinnert sich an das Attentat von Rangun am 9. Oktober 1983 auf Südkoreas Präsidenten Chun Doo Hwan, als 21 seiner Begleiter durch drei nordkoreanische Geheimdienstoffiziere ermordet wurden. Oder an Flug 858 der Korean Airlines, die am 29. November 1987 auf dem Weg von Bagdad nach Seoul explodierte und 115 Menschen in den Tod riss. Die Bombe hatten zwei nordkoreanische Agenten bei einem Zwischenstopp in Dubai an Bord deponiert und das Flugzeug anschliessend verlassen. Ermittlungen und Zeugen legten damals eine direkte Verbindung zu Kim Jong Il nahe, zu dieser Zeit designierter «Kronprinz» und Sicherheitschef in Pjöngjang.

Die Welt war betroffen, aber nicht direkt getroffen. Erst das erratische Reden von US-Präsident Trump, vor allem seine Drohungen, hat eine neue Dimension im Umgang mit dem Regime in Nordkorea ausgelöst. Aus dem belächelten «Irren mit der Bombe», wie «Der Spiegel» einst reisserisch über Kim Jong Il titelte, ist ein realer Dämon geworden, der – zumindest in Asien – Völker, Regierungen und Börsen in Angst und Schrecken versetzt. Wobei beim jüngsten Kim niemand mit Bestimmtheit sagen kann, ob er wirklich ein konkretes Ziel mit seinen Provokationen verfolgt. Das war bei seinen Vorgängern noch anders.

Grossvater Kim Il Sung wollte die Wiedervereinigung Koreas unter seinen sozialistischen Vorstellungen – mit Krieg. Vater Kim Jong Il verfolgte ein ähnliches Ziel, aber mit List und Tücke. Er versuchte, Südkoreas Politiker zu umgarnen und ihr Volk in die Arme der Altstalinisten zu treiben. Unter der Ägide von Kim Jong Un jedoch ist der Konflikt zwischen Nordkorea und beinahe der ganzen Welt kaum noch eingrenzbar und ohne Gesichtsverlust des einen oder anderen kaum mehr abzuwenden. Aus einem verbalen Schlagabtausch kann jederzeit ein Kurzschluss zum Funken an der Zündschnur werden.

Natürlich weiss der junge Kim, dass seine Ressourcen äusserst begrenzt sind – militärisch, vor allem aber auch ökonomisch. Einen realen Krieg kann er nicht gewinnen, aber er kann ihn beginnen, ohne dass ihn jemand daran hindert. Die innere Logik dieses Regimes verhindert seine Kontrolle. Trotz des Geschwafels über edle sozialistische Ziele, in Wirklichkeit verfolgte die Kim-Clique zu keinem Zeitpunkt eine nachvollziehbare Ideologie. Staatstragend ist ausschliesslich der bizarre Personenkult um den Führer.

Der jüngste Kim hat sogar drei Geburtstage

Die Kims sind alle nahezu gottgleich und besitzen angeblich Fähigkeiten, die gewöhnliche Sterbliche nicht erreichen können. Bei der Verherrlichung schreckt das Regime selbst vor albernsten Mythen nicht zurück – angefangen von Kim Il Sung, der angeblich nie zur Toilette gehen musste. Dafür konnte die «Grosse Sonne» wie er sich gern verehren liess, so perfekt Golf spielen, dass er bei seinem überhaupt ersten Schlag ein «Hole in one» einlochte. Sein Sohn und Nachfolger Kim Jong Il erblickte das Erdenlicht der Legende nach 1942 unter einem doppelten Regenbogen auf dem heiligen Berg Paektu. In Wirklichkeit kam der «Grosse Führer» schon ein Jahr zuvor in einem sowjetischen Holzfällerlager in Sibirien zur Welt. Der jüngste Kim hat sogar drei Geburtstage, die zwischen 1983 und 1984 datieren. Mit drei Jahren war er bereits ein ausgezeichneter Autofahrer.

Nachvollziehbar dagegen ist, dass Kim Jong Un für Nordkorea eine eigene Zeitzone mit dem Zurückdrehen der Uhr um 30 Minuten einführen liess und in den Schulen ein Fach, in dem seine Wunderleistungen gelehrt werden. Dass sich das Regime mit solchen Ammenmärchen nicht der internen Lächerlichkeit preisgibt, liegt an einem Axiom, dass die politische und militärische Nomenklatura zur Not in den Selbstmord treiben könnte. Mehr noch als amerikanische Waffen fürchten die Vasallen des Regimes die Willkür und Rache des Diktators. Das ist angesichts einer äusserst aggressiven Staatssicherheit, eines spinnennetzartigen Spitzelsystems und von Internierungs- und Arbeitslagern eine reale Gefahr. Kim Jong Un ist ein Despot, und als solcher weiss er sich von Feinden umgeben. Die oberen tausend in seiner Residenzwelt glaubt er im Griff zu haben. Vasallentreue belohnt er mit japanischen Autos, TV-Sets mit Satellitenempfang für südkoreanische Seifenopern, Sonderläden mit importieren Luxusgütern. Aber die Militärs drängen nach mehr.

Noch kein Kim hat bisher je eine Opposition zugelassen. Gegner verschwinden oder werden auf brutalste Weise eliminiert. Kim Jong Un schreckte dabei nicht einmal vor engen Verwandten zurück. Seine Tante Hyong Yong Chol, die Schwester seines Vaters und Vorgängers, starb angeblich an einer Giftspritze. Deren Ehemann und langjähriger Ziehvater des Diktators, Chang Song Taek, wurde nach einem Schauprozess exekutiert. Zwei gleich brutale Varianten kursieren über diese Hinrichtung. Kim soll seinen Paten durch eine Salve von Flugabwehrraketen pulverisiert haben, und Onkel Chang wurde von einem Rudel ausgehungerter Hunde zerfleischt. Wie auch immer, offiziell anwesend waren Hunderte führende Funktionäre, denen diese Grausamkeit als abschreckende Lehre gedient haben wird.

Um des Machterhalts willen muss Kim aus dem Konflikt mindestens zwei Effekte erreichen. Er will offenbar als atomare Abschreckung global anerkannt werden und gleichzeitig die zum Machterhalt nützliche Isolation des eigenen, vom Weltgeschick «erwählten» Volkes aufrechterhalten. So lange es eben geht.


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