IS-Bekenntnis: Nur eine dreiste Behauptung?

KOMMENTAR ⋅ «Die Versuchung, sich in Las Vegas als Möchtegern-Täter zu profilieren, war und ist für den IS gross», schreibt Nahost-Korrespondent Michael Wrase.
08. Oktober 2017, 08:04

Sechs Tage nach dem Massenmord von Las Vegas hat sich der so genannte Islamische Staat (IS) erneut zu dem entsetzlichen Anschlag vom letzten Wochenende bekannt. In ihrem wöchentlichen Newsletter, der in mehreren Sprachen im Internet veröffentlicht wird, behauptete die Terrororganisation, dass es sich bei dem Schützen um einen «Soldaten des Kalifats» handle, der «vor sechs Monaten zum Islam konvertiert» sei. In einem am Montag verbreiteten Bekennerschreiben hatte die Propaganda-Agentur der Terrororganisation zunächst erklärt, der Mordschütze mit dem Namen Abu Abdul Barr al-Amriki hätte sich erst kurz vor seinem Amoklauf dem IS angeschlossen.

Hinweise auf eine Verbindung des Angreifers Stephen Paddock zu der Dschihadisten-Miliz gibt es nach Erkenntnissen der amerikanischen Bundespolizei nicht. Allerdings konnte das FBI bisher auch keine «klaren Motive» des Schützen herausfinden. Für den Islamischen Staat ist dieses Eingeständnis natürlich ein gefun­denes Fressen.

Solange der Massenmord nicht zweifelsfrei aufgeklärt worden ist, wird der IS an seiner Darstellung festhalten und womöglich weitere «Details» über den Mordschützen nachliefern – dies in der Gewissheit, dass nahezu jede Nachricht oder jedes Gerücht zum Massenmord von Las Vegas von den Medien mit Feuereifer auf­gegriffen wird.

Die militärisch in die Defensive geratene Terrormiliz braucht in ihrer so prekären Situation «positive» Nachrichten. Wenn man nicht mehr mit Siegen auf dem Schlachtfeld prahlen kann, bleiben dem IS als «Beweis für seine Schlagkraft» nur noch Terroranschläge. Schon im Sommer hatte der IS in seinem Propaganda-Magazin «Rumiyah» seine Gefolgsleute dazu aufgerufen, die äusserst laxen Waffengesetze in den Vereinigten Staaten auszunutzen und sich auf Waffenmessen Maschinenpistolen und andere Schusswaffen zu besorgen.

Diese seien fast überall frei und einfach erhältlich. Dem Attentäter von Las Vegas waren diese «Informationen» seit langem bekannt. Auf den IS als Ratgeber war Stephen Paddock mit Sicherheit nicht angewiesen. Es gibt bisher keinen einzigen Hinweis für Kontakte des Massenmörders zum IS, aber eben auch keine klaren Motive, was genügend Raum für Spekulationen sowie Verschwörungstheorien aller Art lässt.

So warnte die renommierte «New York Times»-Korrespondentin Rukmini Callmachi in einer Reihe von Tweets davor, den IS als Täter völlig auszuschliessen. Die islamistische Terrororganisation, schreibt die Nahostexpertin, übernehme generell keine Verantwortung für Angriffe, die nicht von ihr autorisiert oder inspiriert worden seien. Wenn man diese Regeln beachte, so Callimachi weiter, dann könne man lediglich drei Vorfälle seit 2014 finden, bei denen die Gruppierung einen Vorfall fälschlicherweise für sich reklamiert habe.

Die Versuchung, sich in Las Vegas als Möchtegern-Täter zu profilieren, war und ist für den IS allerdings gross. Da die Führung der Terrormiliz seit Monaten im Untergrund lebt und als Sicherheitsmassnahme auf nahezu jegliche Kommunikation verzichtet, könnten Sympathisanten der Gruppe das Bekennerschreiben veröffentlicht haben und dabei auf die notwendige Rücksprache verzichtet haben. Eine Antwort aus dem Irak oder Syrien hätten sie ohnehin nicht bekommen.

Michael Wrase, Beirut


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