Ostia ist die neue Hauptstadt der Mafia

ITALIEN ⋅ Dreissig Kilometer Luftlinie vom italienischen Parlament entfernt liegt ein Ort, der von Mafiaclans und Rechtsextremisten ­diktiert wird: Ostia, der Lieblingsstrand der Römer. Nach einem Übergriff auf einen Journalisten scheint die Politik zu erwachen.
10. November 2017, 08:30

Dominik Straub, Rom

Die Aggression erfolgte vor laufender Kamera: Ein Reporter des Staatsfernsehens RAI interviewte am Mittwoch in Ostia Roberto Spada, Sohn des örtlichen Mafiabosses. Mitten im Interview versetzte Spada dem Journalisten einen heftigen Kopfstoss. Danach prügelte er mit einem Schlagstock auf den Kameramann ein, der aber flüchten konnte. Der stark blutende Reporter musste mit gebrochenem Nasenbein ins Krankenhaus gebracht werden. Sein Kollege kam mit einigen blauen Flecken davon. Der 32-jährige Spada muss mit einer Anzeige wegen Körperverletzung rechnen.

Thema des Interviews waren die lokalen Wahlen vom vergangenen Wochenende in Ostia, bei denen die neofaschistische Bewegung Casa Pound fast 10 Prozent der Stimmen erzielt hat. Der Reporter wollte wissen, was in Ostia die Spatzen ohnehin von den Dächern pfeifen: Ob es zutreffe, dass der mafiöse Spada-Clan die Neofaschisten bei den Wahlen unterstützt habe. Die Gewalttat gegen den Journalisten hat bis in die höchsten Sphären der Politik für Empörung gesorgt. Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi bezeichnete die Aggression als «inakzeptabel» und besprach sich mit Innenminister Marco Minniti. Ex-Premier Matteo Renzi erklärte, das Vorgefallene sei «von erschreckender Symbolik».

Zerfall und Dreck, ­ Armut und Arbeitslosigkeit

Das ist es in der Tat. Roms Stadtteil 10, wie Ostia administrativ heisst, ist in den letzten Jahren immer mehr zu einem Ort des sozialen Niedergangs und der Gesetzlosigkeit geworden – ein Territorium, aus dem sich der Staat schon lange verabschiedet hat. Vor allem die Gegend um den sogenannten Idroscalo, wo einst Pierpaolo Pasolini ermordet worden war, ist ein trostloses Niemandsland: Hier reihen sich heruntergekommene Wohnblocks aus den 70er- und 80er-Jahren, Mauern und Wände sind mit Graffiti und Hakenkreuzen verschmiert, Müll liegt an allen Ecken. Auch die unzähligen «stabilimenti balneari», die Bade­anstalten, wo an den Sommer­wochenenden jeweils die sonnenhungrigen Römer einfallen, sind von einer deprimierenden Eintönigkeit und Hässlichkeit.

Zerfall und Dreck, Armut und Arbeitslosigkeit bilden einen Humus, auf dem die Mafia und die «Faschisten des 3. Jahrtausends», wie sich die Aktivisten von Casa Pound gerne nennen, gleichermassen gut gedeihen. Welche Sozialwohnung wem zugeteilt wird, entscheidet nicht mehr die Stadtverwaltung, sondern der harte Kern der Rechtsextremisten, die sich als Schutzpatrone der Mieter aufspielen. Der Räumung einer Wohnung stellen sie sich notfalls mit Gewalt entgegen – sofern Italiener, nicht Ausländer, davon betroffen sind. Damit und mit dem Verteilen von Lebensmittelpaketen an Arme und Rentner ist zumindest ein Teil des Wahlerfolgs von Casa Pound zu erklären.

Kampf gegen ­Wild-West-Zustände

Der Mini-Gemeinderat des Stadtteils 10 musste von der Regierung in Rom schon im August 2015 wegen mafiöser Infiltration aufgelöst werden. Für die Entsendung eines Kommissars, wie es in den Mafia-Nestern Süditaliens üblich ist, hat es dagegen nicht gereicht. Dabei wurden laut der Römer Staatsanwaltschaft auch enge Verbindungen zur ’Ndrangheta, zur Camorra und zur Cosa Nostra aufgebaut. «Ostia ist das neue Corleone, die Hauptstadt der Mafia, ein Territorium der Clans und der Einschüchterung», schrieb Bestsellerautor und Mafiakenner Roberto Saviano auf Facebook.

Im Moment scheint es allerdings, dass der Kopfstoss die Politik aufgerüttelt hat. Innenminister Marco Minniti, ein energischer ehemaliger Kommunist, hat gestern durchblicken lassen, dass er die Wild-West-Zustände in Ostia nicht länger dulden werde.


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