Ramadan-Anhänger glauben an Komplott

FRANKREICH ⋅ Der bekannte Schweizer Islamwissenschafter Tarik Ramadan sitzt in Paris seit einer Woche in Haft. Der Tatbestand lautet auf Vergewaltigung. Seine Anhänger wittern eine internationale Verschwörung.
10. Februar 2018, 11:56

Eine kleine Narbe könnte Tarik Ramadan zum Verhängnis werden. Eine der beiden Frauen, die vorgeben, von dem 55-jährigen Islamtheologen vor Jahren vergewaltigt worden zu sein, erklärte im Januar den französischen Ermittlern, Ramadan trage dieses drei Zentimeter lange Merkmal zwischen Leiste und Geschlecht. Der Beschuldigte musste die Angabe bestätigen. Seine Behauptung, er habe mit «Christelle» – wie die Frau in den Pariser Medien genannt wir – gar keinen Körperkontakt gehabt, erweist sich damit als überaus wacklig.

Die Justiz ordnete die Verwahrung des Islamwissenschafters an. Sie will verhindern, dass Ramadan mutmassliche Opfer kontaktiert. Die zweite Frau, eine Studentin namens Henda Ayari, berichtete von massiven Drohungen und Einschüchterungsversuchen durch Ramadans Gefolgschaft. Er trete als galanter Verführer auf, werde aber gewalttätig, wenn seine Wünsche unerfüllt blieben. Gläubigen Musliminnen habe er Vorhaltungen gemacht, dass sie sich schminkten oder die Haare offen trugen; in der Intimität seines Hotelzimmers habe er sie hingegen als willige Objekte seiner Sexfantasien missbraucht.

Grosse Popularität bei jungen Muslimen

Ramadans immer noch zahlreiche Anhänger gehen im Internet zum Gegenangriff über. Sie behaupten, ihr Idol sei Ziel einer internationalen Verschwörung. Dahinter steckten Islamfeinde der französischen Rechten und Laizisten sowie das Regime in Saudi-Arabien. Riad suche den Enkel von Hassan el-Banna – den Gründer der ägyptischen Muslimbrüderschaft – mit allen Mitteln anzuschwärzen.

Die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Ramadan seien insofern eine Folge des innerarabischen Machtkampfes zwischen den saudischen Wahhabiten und den ägyptischen Muslimbrüdern. Ramadan ist aber möglicherweise auch von Katar, seinem einstigen Gönner, fallengelassen worden: Im Zuge der «MeToo»-Debatte wurde ihm im Januar die Einreise in die katarische Hauptstadt Doha – wo Ramadan ein Islamzentrum leitete – verwehrt.

Drei Monate zuvor hatte der Schweizer schon den Universitätslehrstuhl in Oxford verloren. Das hindert seine Sympathisanten allerdings nicht daran, überall einen Komplott zu wittern. «Ramadan macht glauben, er werde von Juden, Geheimdiensten und Islamophoben auf der ganzen Welt verfolgt», meinte ein Genfer Muslimwürdenträger, der sich aus Angst vor der Ramadan-Gefolgschaft nicht namentlich äussern will, im französischen Magazin «Le point». «Und leider zieht das bei vielen jungen Muslimen, die ihn als ihren neuen Propheten ansehen. Dies sicherte seine Popularität in den französischen Banlieues.»

Anwälte bringen neues Alibi vor

Ramadans Beugehaft im grössten europäischen Gefängnis Fleury-Mérogis südöstlich von Paris dauert nun schon mehr als eine Woche. Der kontroverse Islamologe muss dem Vernehmen nach in einer Art VIP-Zelle vor den Angriffen anderer Häftlinge geschützt werden. Seine Anwälte versuchen vergeblich, ihn freizubekommen. Kürzlich haben sie ein neues Alibi vorgebracht: Für das Datum der angeblichen Vergewaltigung in Lyon haben sie ein Flugticket Ramadans aus London präsentiert. Der Flug kam indes schon am späten Nachmittag in Lyon an; und Christelle will ihn noch «bei Tageslicht» getroffen haben. Damals will sie auch die ominöse Narbe gesehen haben.

Nicht sehr überzeugend entgegnen Ramadans Verteidiger, das Beweisstück sei vermutlich von einer Hotelkamera festgehalten und verbreitet worden. Die Polizei überwache den populären Islamexperten, der die Steinigung von Ehebrecherinnen nicht rundum verurteilen wollte, schon seit längerem wie einen Staatsfeind. Mit anderen Worten, Ramadan sei nicht Täter, sondern Opfer. Sicher ist: Fürs erste bleibt er in Haft.

 

Stefan Brändle, Paris

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