Homo-Ehe: «Rhetorik der Gegner war beschämend»

AUSTRALIEN ⋅ Stimmen die Prognosen, so haben sich die Stimmbürger in einer umstrittenen Befragung deutlich für die Homo-Ehe ausgesprochen. Ob und wann die Politiker den Volkswillen umsetzen werden, ist allerdings offen.
30. Oktober 2017, 07:10

Urs Wälterlin, Canberra

Am Freitag um 17 Uhr war Einsendeschluss. Bis zum 7. November hat die Post nun Zeit, die restlichen Umfragepapiere an das australische Amt für Statistik zu liefern. Nicht, dass die Auswertungscomputer zu wenig Arbeit hätten. Die Frage «Soll das Gesetz geändert werden, um gleichgeschlechtlichen Paaren das Heiraten zu erlauben?» wurde in den vergangenen Wochen von 12 Millionen oder drei Viertel aller Stimmbürger beantwortet. Mitte November wird das Ergebnis bekanntgegeben.

Ersten Auszählungen zufolge haben sich 60 Prozent der Befragten für eine Änderung ausgesprochen. Befürworter meinen, nur die Ehe gebe gleichgeschlechtlichen Paaren dieselben Rechte wie heterogenen. In einem Erbschaftsfall etwa sei dies entscheidend. Primär gehe es aber darum, «die Diskriminierung von Homosexuellen zu beenden».

Obwohl das australische Parlament laut Verfassung ohne das Zutun des Volkes einen Entscheid über die Legalisierung der sogenannten Homo-Ehe treffen könnte, hielt die Regierung an einer Volksbefragung fest. Der mit rund 120 Millionen Franken teuerste Briefversand in der Geschichte Australiens ist allerdings nicht bindend für das Parlament: Auch wenn das Volk zustimmt, können die Politiker die Homo-Ehe noch blockieren.

Beschimpfungen und Angriffe

Und genau das haben einige vor. Der Vorsitzende der nationalistischen Partei Australian Conservative, Cory Bernardy, liess keine Zweifel darüber aufkommen, ein Ja nicht akzeptieren zu wollen. Auch Vertreter des konservativen Flügels der regierenden liberal-nationalen Koalition von Premierminister Malcolm Turnbull machten in den letzten Tagen zumindest verhalten ähnliche Drohungen. Sie sind Anhänger von Ex-Premier Tony Abbott. Der ultrakonservative, streng katholische Politiker hatte die Volksbefragung in die Wege geleitet, bevor er 2015 von Turnbull – einem Befürworter – geputscht worden war. Kritiker einer Befragung machten geltend, Abbotts Ziel sei einzig gewesen, den Gegnern die Möglichkeit zu geben, «im Volk Zwietracht zu säen».

Das scheint dem Politiker und einer starken Lobby von Gegnern aus dem vorwiegend christlichen Lager nur teilweise gelungen zu sein. Die Kampagne für die Gleichberechtigung sei «hart für uns alle gewesen» sagt der Ja-Aktivist Tom Sebo. «Aber die Gemeinde kam auf eine positive Art und Weise zusammen, um die Entzweiung zu bekämpfen, welche die Gegner erreichen wollten.» Trotzdem habe es bedauerliche Zwischenfälle gegeben: «Einem Befürworter wurden die Scheiben eingeschlagen, weil er am Haus ein Ja-Plakat aufgehängt hatte. Ein lesbisches Paar wurde auf furchtbare Weise beschimpft, nachdem es in der lokalen Presse seine Geschichte erzählt hatte.»

Abstimmungskampf mit zweifelhaften Argumenten

Umfragen zeigen, dass viele Bürger, die schon vor der Kampagne für gleiche Rechte waren, ihre Meinung trotz der Kampagne der Gegner nicht geändert hatten. Das könnte mit deren generell schwachen Argumenten zu tun haben. Nein-Aktivisten hatten behauptet, die Ehe sei eine «jahrhundertealte Tradition zwischen Mann und Frau», an der nichts verändert werden dürfe und könne. Das ist nicht korrekt. In den letzten Jahrzehnten hat Australien die Ehegesetze mehrmals angepasst, etwa, um die Heirat zwischen Minderjährigen und Erwachsenen zu verhindern.

Zudem behaupteten Gegner, ein Ja würde die Religionsfreiheit einschränken. Nicht zuletzt, weil Pfarrer gezwungen würden, auch homosexuelle Paare zu trauen. Auch das ist inkorrekt. Premierminister Malcolm Turnbull hatte seit langem klargemacht, dass es in einem zukünftigen Gesetz Geistlichen erlaubt sein werde, homosexuellen Paaren die Trauung zu verweigern. Schliesslich behaupteten Gegner, ein in mehreren Bundesstaaten laufendes Schulprogramm sei ein Mittel der «sozialen Manipulation», weil es Kindern und Jugendlichen Geschlechtsneutralität und Homosexualität als «normal» präsentiere. Das Programm war entwickelt worden, um das in vielen Schulen problematische Mobbing von homosexuellen und transsexuellen Jugendlichen zu reduzieren. Einige Gegner fürchteten, junge Menschen könnten dadurch zur Homosexualität «verführt» werden.

Für Aktivisten wie Tom Sebo waren vor allem ohnehin «verwundbare» homosexuelle oder transsexuelle junge Menschen in den letzten Monaten Opfer der Nein-Kampagne. «Die Rhetorik der Gegner war beschämend», sagt er. Die Rechte von Homosexuellen und Transsexuellen seien heute deutlich besser als vor zwei Jahrzehnten, als im letzten Bundesstaat homosexueller Geschlechtsverkehr entkriminalisiert wurde. Aber: «Wenn mal eine Narbe von einer Wunde gerissen wird, die in den letzten zwanzig Jahren langsam geheilt hatte, ist es sehr schwierig, sie wieder zu schliessen.»


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