Riad bleibt trotz seines Scheiterns stur

JEMEN ⋅ Nur wenn der Hafen von Hodeida am Roten Meer geöffnet wird, kann im ärmsten Land Arabiens «die schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt» noch verhindert werden.
15. November 2017, 07:37

Saudi-Arabien spielt im Jemen weiterhin auf Zeit und nimmt damit den drohenden Hungertod von Millionen Jemeniten billigend in Kauf.

Nach massivem Druck der Vereinten Nationen und zahlreicher westlicher Staaten hatte das Wüstenkönigreich am Montag zwar die Lockerung seiner Blockade der von den Huthis kontrollierten Gebiete angekündigt. Davon ausgenommen bleibe jedoch der Seehafen der am Roten Meer gelegenen Stadt Hodeida, über den die schiitischen Rebellen mit Raketen aus dem Iran versorgt würden, verkündete der saudische Botschafter bei den Vereinten Nationen, Abdullah al-Mouallimi. Der Diplomat lud Experten der UNO nach Riad ein, um über zusätzliche Sicherheitsmassnahmen in Hodeida zu beraten. Erst wenn sichergestellt sei, dass keine militärischen Güter mehr über den Hafen geliefert werden könnten, sei dessen Öffnung möglich – eine Prozedur, die sich über Wochen, wenn nicht gar Monate hinziehen könnte.

Systematische Blockade der Küstengewässer

Tatsächlich ist es Saudi-Arabien, das mit seiner Luftwaffe und Kriegsmarine das südliche Rote Meer seit gut zwei Jahren kontrolliert. Einige der Kaianlagen im Hafen von Hodeida wurden bei Luftangriffen bereits zerstört. Auch US-Kriegsschiffe beteiligen sich an der Blockade der von den Huthis kontrollierten Küstengewässer. Angesichts der geballten Militärpräsenz halten nicht nur Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen die Lieferung iranischer Militärgüter nach Hodeida für «praktisch unmöglich».

Die Vereinten Nationen beharren daher weiterhin auf der Öffnung des Hafens von Hodeida. Nur dorthin könnten die zur Vermeidung der «schlimmsten humanitären Katastrophe der Welt» benötigten Hilfsgüter problemlos und vor allem schnell geliefert werden, forderte UN-Sprecher Stephane Dujarric am Dienstag. Der Hafen von Aden, der von der jemenitischen Regierung kontrolliert wird, sei für Hilfslieferungen nicht geeignet.

Nüchtern betrachtet ist das saudische Insistieren auf «zusätzliche Sicherheitsmassnahmen» nichts anders als ein Versuch, das Scheitern ihrer im März 2015 begonnenen Militärintervention unter dem Namen «Sturm der Entschlossenheit» zu verschleiern.

Mehr als 17 000 Bombenangriffe hat die saudische Luftwaffe seit Kriegsbeginn geflogen. Die Kampfflieger zerstörten die zivile Infrastruktur Jemens und lösten damit eine humanitäre Katastrophe aus, welche sich täglich verschärft. Ungeachtet dessen kontrollieren die Huthis noch immer die Hauptstadt Sanaa sowie grosse Teile von Nord- und Zentraljemen.

Saudischer Kronprinz auf ganzer Linie gescheitert

Darüber hinaus gelang es den schiitischen Rebellen, den Krieg nach Saudi-Arabien selbst zu tragen. Bei Guerilla-Operationen in den südlichen saudischen Grenzprovinzen starben Dutzende von saudischen Soldaten.

Vorläufiger Höhepunkt der «Konteroffensive» war der Abschuss der Langstreckenrakete auf Riad vor zwei Wochen, dem massive saudische Luftangriffe auf den Basar der Huthi-Hochburg Saada vorausgegangen waren. Den Krieg im Jemen kann Saudi-Arabien nicht mehr gewinnen. Doch bei Verhandlungen mit den Huthis würde der Initiator des Krieges, der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, sein Gesicht verlieren, weil er sich in diesem Fall mit dem «iranischen Erzfeind» an einen Tisch setzen müsste.

Dass der neue «starke Mann» in Saudi-Arabien auf ganzer Linie gescheitert ist, zeigt auch die Verhaftung des jemenitischen Präsidenten Mansur Hadi in Riad. Als Grund wurden dessen Kontakte zur jemenitischen Muslimbruderschaft genannt. Hadi war von den Huthis aus Sanaa ins saudische Exil getrieben worden. Für seine Rückkehr hatte Kronprinz bin Salman den Krieg im südlichen Nachbarland angezettelt.

 

Michael Wrase, Isfahan


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