Rohingya-Miliz holt zum Gegenschlag aus

MYANMAR ⋅ Die Anschläge der schlecht ausgerüsteten Arakan Rohingya Salvation Army (Arsa) richten wenig Schaden an. Effektiv sind sie trotzdem: Sie schüren die Angst, dass die Rohingya von internationalen Terrornetzwerken vereinnahmt werden könnten.
13. Januar 2018, 09:55

Ulrike Putz, Kutupalong/Cox’s Bazar

Als die Rohingya-Miliz Arakan Rohingya Rettungs-Armee (Arsa) sich am vergangenen Sonntag zu einem Anschlag gegen Angehörige des myanmarischen Militärs bekannte, schlug sie grosse Töne an: Arsa bleibe keine andere Wahl, als sich gegen den «staatlich initiierten Terrorismus» in Myanmar zu wehren. Der Kampf der Miliz stehe im Einklang mit dem internationalen Recht auf Selbstverteidigung, der Widerstand gegen die «terroristische Armee» und die «Terroristen-Regierung» Myanmars müsse und werde weitergehen, verkündete Atta Ullah, der Anführer der Guerillatruppe.

Anlass für die vollmundige Verlautbarung auf Twitter war ein Überfall auf einen Armeekonvoi im Dorf Turaing im nordwestlichen myanmarischen Gliedstaat Rakhine. Zehn Arsa-Kämpfer hätten dort am Freitag zuvor einige Militärs in einen Hinterhalt gelockt und angegriffen, hiess es auf der Facebook-Seite des myanmarischen Oberbefehlshabers Min Aung Hlaing. Dabei seien zwei Soldaten und ein Fahrer verletzt worden.

Dass der eher unspektakuläre Vorfall für internationale Schlagzeilen sorgte, liegt daran, dass Beobachter damit rechnen, dass die Arsa der myanmarischen Armee in den kommenden Monaten kräftig zusetzen könnte. Die Truppe, die sich vor vier Jahren als eine Art Bürgerwehr der Rohingya gründete, könnte sich schon bald zu einem nicht zu vernachlässigenden Faktor im schwelenden Konflikt zwischen der buddhistischen Mehrheit und den muslimischen Rohingya in Myanmar entwickeln, sagen Experten.

Kampagne der ethnischen Säuberung gegen Rohingya

Myanmars Militär betreibt seit Ende August 2017 eine Kampagne der ethnischen Säuberung gegen die in Rakhine ansässigen Rohingya. Armeeangehörige überziehen die Region mit brutaler Gewalt. Dorf für Dorf wird heimgesucht, wobei die Soldaten allem Anschein nach systematisch morden, vergewaltigen und brandschatzen. Die Organisation Médecins sans Frontières (MSF) schätzt, dass allein in den ersten vier Wochen der Gewalt 6700 Rohingya getötet wurden. Um den bangalischen Marktflecken Kutupalong ist mittlerweile das grösste Flüchtlingslager der Welt entstanden. In der gigantischen Zeltstadt wimmelt es von zornigen jungen Männern. Sie mussten ohnmächtig dabei zusehen, wie das myanmarische Militär über ihre Gemeinden hergefallen ist. Nun, da sie in Sicherheit sind, sinnen sie auf Rache.

Kanalisiert wird ihr Zorn von der Arsa, die von vielen auch Harakah al-Yaqin, Bewegung des Glaubens, genannt wird. Glaubt man den Erzählungen ihrer Kämpfer, hat der im pakistanischen Karatschi geborene und in Mekka aufgewachsene Atta Ullah die Truppe im Jahr 2013 quasi im Alleingang gegründet. Ullah habe die Dörfler ermutigt, sich zu Bürgerwehren zusammenzutun, um sich gegen Schikanen seitens der Armee und ihrer buddhistischen Nachbarn zu wehren, heisst es in einem neuen Bericht der in Brüssel ansässigen International Crisis Group (ICG). Verbrachten die Männer die ersten Jahre vornehmlich damit, sich zu formieren, unternahmen sie ab Ende 2016 erste Überfälle auf Militärposten. Im August 2017 dann stürmte die Miliz ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit, als sie einen koordinierten Angriff auf mehrere Polizeiposten in Myanmar unternahm. Der Überfall, bei dem zwölf Beamte starben, diente den Militärs als Entschuldigung für die unbarmherzige gegen die Rohingya gerichtete Vertreibungskampagne.

Mit dem Strom der Flüchtlinge kamen auch die Militanten über die Grenze nach Bangladesch. In den dortigen Camps rekrutierten und trainierten sie nun Freiwillige. Einer von ihnen war Faruk Mohammed. Faruk habe gegen die myanmarische Armee in den Kampf ziehen wollen, sagt sein älterer Bruder Ayyub. «Sein Kopf war voller radikaler Ideen. Sein Blut kochte. Er wollte uns Rohingya rächen.»

Doch bevor es dazu kam, wurde der 21-Jährige verhaftet. «Das bangalische Militär hat ihn und vier andere junge Männer nachts dabei ertappt, wie sie in einem gerodeten Waldstück mit Macheten trainiert haben.» Das war am 27. Oktober. «Seitdem sitzt Faruk im Gefängnis. Wann die Verhandlung ist, wissen wir nicht. Wir haben kein Geld für einen Anwalt», sagt der Bruder.

Arsa-Kämpfer werden als Helden gefeiert

In den Camps gelten die Kämpfer der Arsa als Helden. Fast alle Befragten geben an, die Milizionäre zu unterstützen, auch wenn die Zivilbevölkerung unter den Vergeltungsmassnahmen des Militärs schwer zu leiden hat. Viele sind stolz darauf, dass wenigstens einige Männer den Kampf David gegen Goliath aufgenommen haben. «Die Arsa kämpft ohne Ausrüstung, mit Knüppeln und Messern. Trotzdem ist die Miliz erfolgreich, denn sie hat die ganze Welt auf unsere gerechte Sache aufmerksam gemacht», sagt Nur Hussein, der in Myanmar Imam seines Dorfes war und im Lager in einer in einem Zelt improvisierten Moschee predigt. «Dass die Welt jetzt hinschaut, das ist ihr Verdienst.» Inzwischen ist die Mehrheit der etwa eine Million zählenden Rohingya-Minderheit aus Myanmar geflohen. Angesichts dessen sei anzunehmen, dass die Arsa nun ihre Taktik ändern und von Bangladesch aus Angriffe auf myanmarischem Boden durchführen könnte, schreiben die Analysten der ICG.

Auch andere Experten sehen Anzeichen für den Beginn einer neuen, explosiven Phase in der Rohingya-Krise. Arsa-Sympathisanten unternähmen grosse Anstrengungen, unter reichen Rohingya Geld zu sammeln, sagt Anthony Davis, Sicherheitsexperte in Bangkok. Besonders in den Golfstaaten sowie in Pakistan und Malaysia gibt es eine wohlhabende Diaspora. Die Miliz versuche, sich auf dem Schwarzmarkt ein Waffenarsenal zusammenzukaufen, so Davis. «Ich schätze, dass die Arsa inzwischen auf einige tausend Kämpfer zurückgreifen kann.» Wenn diese demnächst gut bewaffnet seien, würde das die Spielregeln des Konflikts ändern. Die grosse Frage ist, wie sich Bangladesch verhalten wird. Noch verbietet Dhaka jeden Aktivismus seitens der Flüchtlinge und sperrt Möchtegernrebellen wie Faruk Mohammed ein. Es sei jedoch durchaus denkbar, dass Dhaka demnächst die Aktivitäten der Arsa zwar nicht aktiv unterstützen, jedoch insgeheim dulden werde, sagt Davis. «Es gibt in anderen Konflikten Beispiele dafür, dass die Sicherheitskräfte Rebellengruppen dazu nutzen, Druck auf ihre ungeliebten Nachbarn auszuüben.»

Bisher kämpft die Arsa nicht im Namen des Islams

Unklar ist auch, ob die Guerilla ihren ethnischen Charakter beibehalten wird. Bislang versteht sich die Arsa als nationale Befreiungsbewegung, nicht als Dschihad-Organisation, die im Namen des Islams kämpft. Die Sorge, dass die Arsa von Terrororganisationen wie al-Kaida oder dem IS vereinnahmt werden könnte, ist jedoch gross. «Jede Woche habe ich eine Delegation aus Übersee hier sitzen, die mit mir über die Terrorgefahr reden will», sagt Afruzul Haq Tutul, Polizeichef im unweit der Lager gelegenen bangalischen Badeort Cox’s Bazar.

Natürlich seien Anwerber extremistischer Organisationen in den Camps unterwegs, sagt er. «Letzte Woche haben wir im Lager vier Briten pakistanischer Herkunft und einen muslimischen Chinesen festgenommen. Und die waren nicht hier, um gute Werke zu tun.»

Haq Tutul hält eine weitere Radikalisierung der Rohingya für unausweichlich. «Die Rohingya werden erst Ruhe geben, wenn sie heimkehren dürfen. Und das wird so schnell nicht passieren.»


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