Spiel mit dem Feuer – seit Jahrzehnten

USA/NORDKOREA ⋅ Der verbale Schlagabtausch zwischen den USA und Nordkorea spitzt sich zu: Diktator Kim Jong Un droht mit einem Angriff auf die US-Pazifikinsel Guam. Bei Veteranen werden Erinnerungen wach an einen fürchterlichen, fast vergessenen Krieg.
10. August 2017, 05:00

Renzo Ruf, Washington

Leonard Adreon ist tief besorgt. «Allem Anschein nach», sagt der 90-Jährige aus St. Louis (Missouri), «stehen wir kurz vor einer neuerlichen Explosion» auf der koreanischen Halbinsel. Und allein der Gedanke an einen Krieg entlang der demilitarisierten Zone, die den kommunistischen Norden vom kapitalistischen Süden trennt, weckt in dem rüstigen Senior dunkle Erinnerungen an eine Zeit in seinem Leben, die er lange verdrängt hatte. 1951 kämpfte Adreon nämlich in einer Marineinfanterie-Division am 38. Breitengrad, wie die Grenze zwischen Nord- und Südkorea in Amerika gemeinhin genannt wird. Er war Teil einer Abnutzungsschlacht zwischen chinesischen Truppen, die Nordkorea zu Hilfe gekommen waren, und den Soldaten des Westens, die Südkorea unterstützten.

«Unser Auftrag war es, so viele Chinesen wie möglich zu töten», erzählte Adreon jüngst einem Radiosender. «Also stürmten wir einen Hügel», bevor die Amerikaner unter Dauerbeschuss des Feindes wieder zurückweichen mussten. «Und jedes Mal, wenn wir den Hügel wieder für uns einnahmen, gab es auf beiden Seiten Verluste. Und dies ging schier endlos so weiter.»

Ungeahnte Folgen einer militärischen Aktion

Adreon war einer von mehr als 1,7 Millionen Amerikanern, die im Auftrag der Vereinten Nationen von 1950 bis 1953 auf der Halbinsel Krieg führten. Und obwohl gemäss offiziellen Angaben immer noch Tausende dieser US-Veteranen am Leben sind – darunter der weltberühmte Astronaut Buzz Aldrin (87) –, wird der blutige Konflikt in den Geschichtsbüchern als der «vergessene Krieg» bezeichnet. Selbst in der aktuellen Krise, angefeuert durch eine militärische und rhetorische Eskalation in Pjöngjang und Washington – zuletzt drohte Präsident Donald Trump dem nordkoreanischen Regime mit «Feuer und Wut», falls Amerika angegriffen würde –, sind Hinweise auf «die Polizeiaktion» (so der damalige US-Präsident Harry Truman) selten zu finden; am ehesten noch ziehen Historiker Vergleiche mit der glimpflich ausgegangenen Kubakrise im Herbst 1962.

Dabei ist es äusserst hilfreich, einen Blick auf den Koreakrieg zu werfen – weil selbst ein grober Abriss verdeutlicht, welche ungeahnten Folgen eine militärische Aktion auf der ostasiatischen Halbinsel haben könnte. Vom Zaun gebrochen wurde der Krieg im Juni 1950 durch einen Angriff der Koreanischen Volksarmee, wie die Regierungstruppen des kommunistischen Nordens genannt wurden. Die USA wurden von dieser Attacke auf dem falschen Fuss erwischt, auch weil die politische Führung in Washington zuvor falsche Signale an den kommunistischen Block – der sich aus der Sowjetunion Stalins, dem Regime Maos in Rotchina und dem nordkoreanischen Diktator Kim Il Sung zusammensetzte – gesendet hatte. Aussenminister Dean Acheson hatte zu Beginn des Jahres 1950 nämlich den Eindruck erweckt, die USA würden Südkorea im Kriegsfall nicht beispringen. Südkorea gehöre nicht zum amerikanischen Verteidigungsperimeter. Unterstützt durch sowjetisches Militärmaterial, stiess die Volksarmee rasch vor; zwei Monate später hielten die Truppen des Westens nur noch einen Landstrich ganz im Süden der Halbinsel.

Dann schlug die Stunde von General Douglas MacArthur. Der Oberbefehlshaber der Soldaten des Westens in Korea – eine Mischung aus militärischer Brillanz und egomanischem Grössenwahn – heckte den Plan einer Landung im Rücken der Front aus, in der Hafenstadt Incheon, unweit der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Der waghalsige Plan glückte am 15. September 1950, auch weil sich die Volksarmee zu weit vorgewagt hatte. Wenig später drängte Mac­Arthur die Invasoren zurück auf das Staatsgebiet Nordkoreas. Dabei beliess er es aber nicht und beging damit in den Worten des Historikers David Halber­stam den gröbsten militärischen Schnitzer seiner langen Laufbahn – er unterschätzte nämlich die Chinesen. Zwar gab es Warnungen, dass Rotchina in den Krieg eingreifen werde, falls US-Soldaten den 38. Breitengrad überschritten. Auch hatten MacArthurs Vorgesetzte in Washington es ihm verboten, chinesische und sowjetische Truppen direkt in Kämpfe zu verwickeln. Der General aber setzte sich über die Vorbehalte hinweg und stiess bis an den Yalu vor, den Grenzfluss zwischen Nordkorea und China.

Zu einem formellen Friedenspakt kam es nie

Damit provozierte er einen massiven Gegenangriff der chinesischen «Freiwilligenarmee», die zumindest die taktische Unterstützung Stalins genoss. In der Folge drängten eine halbe Million Soldaten die Truppen des Westens, die unter den misslichen Wetterbedingungen litten, Schritt für Schritt zurück. Ende 1950 waren die Amerikaner gezwungen, die Grenze zwischen dem Norden und dem Süden erneut zu überschreiten. Zwar gelang es ihnen einen Monat später, den Vorstoss der Kommunisten zu stoppen, rund 50 Kilometer südlich von Seoul. Es folgte aber ein zäher, blutiger Abnützungskampf – der nach der Ablösung von General MacArthur, der mit dem Einsatz von Atombomben geliebäugelt hatte, mit einem Patt endete. Am 27. Juli 1953 unterzeichneten die Kriegsparteien ein Waffenstillstandsabkommen. Zu einem formellen Friedenspakt kam es aber nie, auch weil sich beide Seiten vorwarfen, den Waffenstillstand verletzt zu haben.

Leonard Adreon kehrte übrigens 1952 in die USA zurück. Ein Jahr später heiratete er. Über seine Erfahrungen in Korea sprach er jahrzehntelang «kein Wort», auch mit seiner Gattin nicht. Erst kürzlich brach er sein Schweigen und schrieb ein Buch. Nun sagt der 90-Jährige: «Es ist gut, dass ich meine Erlebnisse verarbeiten konnte.»


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