Staatsterror stärkt Dschihadismus

MYANMAR ⋅ Das Vorgehen der Armee gegen die muslimische Minderheit der Rohingyas wird international als ethnische Säuberung kritisiert. Nutzniesser könnten Terror-Netzwerke wie Al-Kaida und IS sein.
14. September 2017, 07:31

Der Konflikt zwischen der buddhistischen Mehrheit und der muslimischen Minderheit der Rohingyas schwelt in Myanmar seit Jahrzehnten. Allerdings wird nun die Internationalisierung des Konflikts immer augenfälliger. Inzwischen kritisieren auch die Vereinten Nationen die Regierung von Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi scharf.

Der UNO-Menschenrechtskommissar Seid Ra’ad al-Hussein sagte am Montag: «Die Situation scheint aus einem Lehrbuch für ‹ethnische Säuberungen› zu stammen.» NGOs sprechen gar von einem Genozid. Während Myanmars Muslime systematische Verfolgung anprangern, spricht die Regierung von einem legitimen Anti-Terrorkampf gegen bewaffnete islamistische Rebellen.

Nach Angriffen von Rohingya-Rebellen auf Polizeistationen des Landes hat die myanmarische Armee eine massive Offensive gestartet, die sich aber nicht nur gegen die bewaffneten Rebellen richtet, sondern vor allem die Zivilbevölkerung in von Rohingyas bewohnten Dörfern betrifft. In den vergangenen Wochen sollen über 1000 Rohingyas getötet worden und über 300000 Angehörige der muslimischen Minderheit vertrieben worden sein.

Extremisten kochen ihr Süppchen mit dem Elend

Das Elend mobilisiert in Südostasien Tausende empörte Muslime, aber auch islamistische Fanatiker, die zum Dschihad auf­rufen. In der indonesischen Hauptstadt Jakarta wurde die myanmarische Botschaft tagelang von Demonstranten belagert. Ähnliches spielte sich auch in Malaysia ab.

Auch in Australiens Hauptstadt Canberra gingen Hunderte auf die Strasse und forderten die internationale Gemeinschaft auf, den Druck auf die Regierung in Naypyidaw zu erhöhen, um die Gewalt zu stoppen. Neben echter Empörung ist aber auch eine politische Instrumentalisierung der Tragödie in Myanmar zu beobachten. Demonstrationen in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny und in Moskau sind Belege dafür.

Ramsan Kadyrow etwa, Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien, scheint eine Chance zu wittern, seine Machtposition zu stärken – auch gegenüber Moskau. In einer Rede am Montag wandte sich der bislang Kreml-treue Tschetschene ungewöhnlich provokant an den russischen Präsidenten Wladimir Putin. «Wenn es an mir läge, würde ich eine Atombombe über Myanmar abwerfen», so Kadyrow. Sollte Moskau das myanmarische Militär bei dessen Vorgehen gegen die Rohingyas unterstützen, sei er gegen Russlands Position. Kadyrows Äusserungen werden als Affront gegenüber Putin gedeutet. Moskau exportiert Waffen nach Myanmar; erst im Juni kamen die Verteidigungsminister beider Länder zusammen. Während Kadyrows Vorstoss innenpolitisch motiviert sein dürfte, bergen die Reaktionen dschihadistischer Netzwerke wie Al-Kaida und Islamischer Staat (IS) auf die Rohingya-Krise eine internationale Gefahr.

Allianz zwischen Al-Kaida und IS ist möglich

Vor allem der in seinen arabischen Stammlanden vor einer herben Niederlage stehende IS wittert die Chance, seine Präsenz in Südostasien zu verstärken. Je mehr das Kalifat im Irak und in Syrien unter Druck gerät, desto mehr sucht der IS nach strategischen Alternativen. Indem Aung San Suu Kyi, die «starke Frau» in Myanmar, die Unterdrückung der Rohingyas als Teil eines legitimen Anti-Terrorkampfes bezeichnet, ebnet sie in Tat und Wahrheit den Dschihadisten erst den Weg.

Experten wie der Anti-Terror-Koordinator der EU, Gilles de Kerchove, warnen bereits vor einer globalen Allianz zwischen Al-Kaida und dem IS. Treibende Kraft hinter einer solchen Verbrüderung ist anscheinend Hamza bin Laden, der Sohn des 2011 getöteten Al-Kaida-Gründers Osama bin Laden. «Hamza bin Ladens Rhetorik gegenüber dem IS ist so gemässigt, dass sie wohl zum Ziel hat, die beiden Terrororganisationen wieder anzunähern», sagt Kerchovek, der von einer «besorgniserregenden Entwicklung» spricht.

Gefährlich ist eine solche Entwicklung vor allem dann, wenn nationalistische Kräfte wie in Myanmar durch Staatsterror das Narrativ der Dschihadisten stärken: dass nur Gewalt die Unterdrückung des Islams durch Ungläubige stoppen könne. Buddhistischer Nationalismus wird so zum Steigbügelhalter für einen erstarkenden Dschihad-­Terror in Südostasien.

Walter Brehm


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