Stimmungstest im Bierzelt

DEUTSCHLAND ⋅ Vor sechs Jahren flüchtete er nach einer Plagiatsaffäre in die USA. Nun ist Karl-Theodor zu Guttenberg zurück. Tritt er auf, sind die Festzelte bis zum letzten Platz gefüllt. Ein Weg zurück in die Politik?
13. September 2017, 07:47

Christoph Reichmuth, Moosburg

Karl-Theodor zu Guttenberg beginnt seine 90-minütige, völlig frei gehaltene Rede gleich mal mit einem Scherz. Er habe in seiner Schulzeit das gleiche Gymnasium besucht wie Ilse Aigner, die bayerische Staatsministerin für Wirtschaft. «Dort habe ich das Abschreiben gelernt», schiebt er nach. Der Witz kommt gut an, die Stimmung im rappelvollen Bierzelt von Moosburg im oberbayerischen Landkreis Freising hebt sich schon zum ersten Mal. KT, wie ihn hier alle rufen, legt gleich noch einen nach. «Lieber Florian Herrmann», ­wendet er sich nun an den anwesenden CSU-Landtagsabgeord­neten, «ich meine: Doktor Herrmann – Ehre, wem Ehre gebührt.»

Vielleicht 2000 Leute verfolgen im Bierzelt den Auftritt des CSU-Hoffnungsträgers. KT steht oben auf der Bühne, Sakko mit Hemd, die obersten Knöpfe lässig geöffnet. Unten an den Tischen trinken sie Bier in Masskrügen, essen bayerisches Biergartenbankerl mit kaltem Braten, Kas und Brotkorb oder pikant-saures Lüngerl mit Semmelknödel.

Spielball und Druckmittel

Im März vor sechs Jahren endete die politische Karriere von Karl-Theodor zu Guttenberg abrupt. Der einstmals beliebteste deutsche Politiker mit der kometenhaften Karriere musste scheibchenweise einräumen, dass er bei seiner Doktorarbeit betrogen hatte. Den Doktortitel hat ihm die Universität wieder weggenommen, die Medien spotteten über den vormaligen Wirtschafts- und Verteidigungsminister im Kabinett Merkel und nannten ihn, in Anspielung auf seine Abstammung von einer Adelsfamilie, fortan «Graf Copy-Paste» oder wahlweise auch «Märchenonkel Karl.» Der Gescholtene flüchtete mit seiner Familie in die USA, in New York baute er sich ein neues Leben als Berater auf. Lange war’s still um KT, nun hat CSU-Chef Horst Seehofer den begabten Redner für den Bundestagswahlkampf zurückgewonnen. Möglicherweise ist der Freiherr für Seehofer sowohl Zugpferd für die Wahlen als auch ein bisschen Druckmittel. Die Bierzelte sind voll, wenn KT auftritt. Und mit KT bindet Seehofer seinen Finanz­minister Markus Söder zurück.

Der CSU-Chef und sein Finanzminister können es gar nicht miteinander, offen hat der 50-jährige Söder Ambitionen angemeldet, bei den Wahlen 2018 Horst Seehofer als Ministerpräsident und/oder als Parteichef der CSU zu beerben. Nun bringt Seehofer plötzlich wieder die Personalie zu Guttenberg ins Spiel.

Der «blonde Kasperl»

Zu Guttenberg kokettiert ein bisschen, was seine Zukunft anbelangt. Er hat immer mal wieder angedeutet, dass er keine Rückkehr anstrebe in ein politisches Amt. Unabhängig davon, ob er dies überhaupt wolle, sagte er mal in einem Interview, «würden die berechtigten Gründe für meinen Rücktritt sowie mein lausiger Umgang damit eine Rückkehr nicht rechtfertigen». Seine Rede im Festzelt von Moosburg hingegen hört sich an wie ein Bewerbungsreferat für das Amt des künftigen Aussenministers.

Zu Guttenberg macht einen Streifzug durch die Weltpolitik, freilich immer mal wieder auf der Suche nach Lachern, wenn er etwa vom «dicken Mann mit dem lustigen Haarschnitt» oder vom «blonden Kasperl im Weissen Haus» spricht und damit die Machthaber in Pjöngjang und Washington meint. Er unterstellt den auch im Zelt mit ein paar Wahlkämpfern anwesenden AfD-Politikern Populismus, um sich in seiner Rede selbst des Populismus zu bedienen. Minutenlang redet er gegen Burka-Trägerinnen an und fordert konsequente und raschere Abschiebung von straffälligen Asylbewerbern und eine Null-­Toleranz-Linie gegenüber Gefährdern.

Die Strategie geht auf, sie applaudieren heftig im Festzelt. Das Thema soziale Gerechtigkeit, der Umgang mit Geringverdienern, wird nicht einmal gestreift. Selbst seinem Chef gegenüber, dem sonst unantastbaren Horst Seehofer, erteilt der selbstbewusste KT Ratschläge, er solle seinen Intimus Viktor Orbán in Ungarn endlich zu mehr Solidarität bei der Flüchtlingsaufnahme verpflichten. Den Streit zwischen den Schwesterparteien CSU und CDU hält KT für überwunden, die beiden Parteien seien schliesslich «keine siamesischen Zwillinge». «Mich hat es gefreut, wie ich da gesehen habe, wie da der bayerische Ellenbogen ausgefahren wurde», spielt er auf die Differenzen zwischen Merkel und Seehofer in der Flüchtlingskrise an. Zum Ende seiner locker gehaltenen Rede – seines Sakkos hat er sich nach knapp einer Stunde cool entledigt – sucht er abermals die Lacher. Auch wenn die USA nun von Leuten regiert würden, die Namen von Comicfiguren trügen – Micky (Mike Pence) und Donald (Trump) –, Deutschland müsse sich um ein gutes Verhältnis zum wichtigsten Handelspartner weiterhin bemühen.

«Ich halte ihn nicht für integer»

Die Festzeltbesucher erheben sich zum Applaus, er ist warm und heftig, aber nicht frenetisch. Am Ende singen sie alle gemeinsam die Bayern-, danach die Nationalhymne, ehe die Stadtkapelle Moosburg wieder an die Instrumente darf. «Ich bin überzeugt, der Karl-Theodor würde gerne wieder Politik machen. Er will aber zuerst die Stimmung an der Basis austesten», sagt der 42-jährige CSU-Sympathisant Thomas nach der Rede. «Das war ein starker Auftritt», sagt ein anderer, «der kommt schon wieder. Wirst es sehen.» Die überwiegende Mehrheit wünscht sich eine Rückkehr des einst fortgejagten Ministers, sie wollen ihm eine zweite Chance geben.

Nur wenige sind KT gegenüber so skeptisch eingestellt wie der 50-jährige Hans. Zu Guttenberg sei der wohl beste Redner in der CSU seit Franz-Josef Strauss, attestiert er dem prominenten Gast. Allerdings, schiebt er hinterher: «Ich halte ihn nicht für integer. Er gibt etwas vor zu sein, das er gar nicht ist.» KT wird die leise Kritik verkraften. Der Stimmungstest im Bierzelt von Moosberg ist geglückt. Eine Rückkehr auf die grosse Politbühne und damit die endgültige Rehabilitierung seiner selbst scheint in greifbarer Nähe.


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