Türkei marschiert in Syrien ein

ANKARA/IDLIB ⋅ Türkische Truppen haben die Grenze zu Syrien überquert. Offiziell sollen sie den Waffenstillstand in der Region überwachen, doch ihr eigentliches Ziel dürfte ein anderes sein.
10. Oktober 2017, 08:15

Was am Sonntag schon aus verschiedenen Quellen gemeldet worden war, machte der türkische Generalstab nun offiziell: Türkische Truppen haben die Grenze nach Syrien überquert. Ziel ist die Stadt Idlib, rund 40 Kilometer südlich der Grenze. Idlib ist gleichzeitig die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, einer der letzten syrischen Provinzen, die noch von islamistischen Kämpfern kontrolliert werden.

Während am Sonntag noch von Kämpfen zwischen Einheiten der Freien Syrischen Armee (FSA) – die als Vorhut für die regulären türkischen Truppen zuerst über die Grenze gingen – und Dschihadisten der Hajat Tahrir al-Sham – dem radikalislamistischen Bündnis, dominiert von der Al-Kaida-nahen Nusra-Front – berichtet wurde, war gestern zunächst alles ruhig.

Dschihadisten wollen nicht gegen die Türkei kämpfen

Eine lange Kolonne türkischer Militärlaster passierte unbehelligt die Grenze in Richtung Idlib. Offiziell geht es darum, dass die türkische Armee nun ein Abkommen über vier Deeskalationszonen in Idlib umsetzt, das in Gesprächen mit Russland und dem Iran erzielt worden war. Danach soll die Türkei in der Provinz ­Idlib 14 Beobachtungsposten besetzen, um den Waffenstillstand zwischen Rebellen und den Truppen des Assad-Regimes zu überwachen. Ausgenommen von dem Waffenstillstand ist allerdings just das Nusra-Bündnis, das die Stadt Idlib seit August dieses Jahres kontrolliert. Das Hajat-Tahir-al-Sham-Bündnis wird sowohl von Russland und dem Iran wie auch von den USA als Terrororganisation betrachtet, die genauso wie der IS bekämpft werden muss. Offiziell vertritt auch die türkische Regierung diese Position, tatsächlich sind erhebliche Zweifel an der Haltung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan angebracht. Erdogan hat in der Vergangenheit immer wieder Bedenken gegen die ­Einstufung der Nusra-Front als Terrororganisation angemeldet. Deshalb ist es schwer vorstellbar, dass die türkische Armee nun massiv gegen Nusra und ihre Verbündeten vorgehen wird. Das bestätigte gestern auch ein früherer Sprecher von Hajat Tahir al-Sham, Mostafa Mahamed, über Twitter. Er schrieb: «HTS will nicht gegen die Türkei kämpfen. Beide Seiten wollen reden.»

Panzer und schweres Gerät für «Beobachtungsmission»

Es bleibt deshalb abzuwarten, was in den kommenden Tagen in Idlib passiert. Schon jetzt ist jedoch klar, dass die eigentlichen Gegner für Erdogan und die türkische Militärführung nicht die Dschihadisten sind, sondern die syrischen Kurden. Wenn die türkische Armee erst einmal die Provinz Idlib kontrolliert, liegt die von den Kurden bewohnte Region Afrin genau zwischen zwei von türkischen Truppen kontrollierten Regionen auf der syrischen Seite der Grenze. Für die türkischen, regierungsnahen Medien ist deshalb ganz klar, worum es eigentlich geht: «Erst Idlib, dann Afrin» titelte gestern die regierungsnahe Zeitung «Yeni Safak».

Dafür spricht auch, dass die Armee an der Grenze Tausende von Soldaten mit Panzern und anderem schwerem Gerät zusammenzieht, die für eine Waffenstillstandsbeobachtungsmission nicht gebraucht würden. Erdogan selbst hat vor einer Parteiversammlung seiner AKP am Sonntag gesagt, es ginge darum, einen «Terrorkorridor an unserer Grenze» zu verhindern. Gemeint sind damit aber nicht die Dschihadisten, sondern die syrischen Kurden, die seit langem versuchen, die von ihnen bewohnten Gebiete entlang der türkischen Grenze miteinander zu verbinden.

 

Wolf Wittenfeld, Athen


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